Kindheit, 1. Abschnitt

 

„Schau mal, Mama, schau mal: ohne anfassen.“

 

Iras schwarze Locken kräuselten sich um ihre vor Aufregung leuchtenden Wangen und ihre Augen glänzten. Susan drehte sich müde um:

 

„Ohne anZUfassen.“

 

„Aber schau doch mal, schau doch mal!“

 

Ira war so aufgeregt, dass sie nicht bemerkte, wie die Irritation ihrer Mutter wuchs. Mit ihren 6 Jahren hatte sie normalerweise ein sehr gutes Gespür für die Gemütsregungen ihrer Mutter und wusste geschickt auszuweichen, wenn es nötig war. Doch jetzt erfüllte sie das Gefühl, dass etwas ganz besonderes geschah, mit einer solchen Freude, dass sie nichts anderes wahrnahm. Nachdem sie gestern mit dem grossen Bruder ihrer Freundin Sarah die zweite Folge von Harry Potter angeschaut hatte, hatte sie am heutigen Samstag stundenlang versucht, den kleinen Rosenquarz, den ihr Sarah geschenkt hatte, durch die Luft fliegen zu lassen. Zu ihrer grossen Enttäuschung war ihr das nicht gelungen. Doch nachdem sie stundenlang probiert hatte, hatte sie irgendwann ihre gesamte kindliche Ungeduld voller Zorn auf den Stein projiziert, der sich daraufhin tatsächlich mit einem Ruck von ihr wegbewegte.

 

Voller Eifer konzentrierte sie sich nun. Ohne zu verstehen was sie tat, bündelte sie alle ihre Energie und richtete sie auf den Stein. Der kleine Rosenquarz machte einen Satz, schoss durch das Zimmer und landete direkt vor den Füssen ihrer Mutter. Ira schaute mit strahlenden Augen auf:

 

„Harry Potter kann ihn sogar fliegen lassen!“

 

Die Irritation in der Stimme ihrer Mutter war nun nicht mehr zu überhören:

 

„Lass den Blödsinn, Ira. Niemand kann Steine fliegen lassen. Und wo zum Teufel hast du Harry Potter geschaut?“

 

„Aber wenn ich Steine bewegen kann, kann Harry Potter ganz bestimmt Steine fliegen lassen. Vielleicht kann ich das ja auch, ich muss nur noch etwas üben.“

 

Aus Iras Stimme war die unendliche Bewunderung für Harry Potter herauszuhören, was Susan eigenartigerweise besänftigte. Wenn ihre Tochter so wie alle Kinder für Harry Potter schwärmte, dann war sie vielleicht doch relativ normal. Mit bemüht ruhiger Stimme beugte sie sich zu ihr hinunter:

 

„Ira, erstens kannst du keine Steine bewegen, ohne sie anzufassen. Und zweitens hast du meine Frage nicht beantwortet: wo und wann hast du Harry Potter gesehen?“

 

Ira schüttelte ungeduldig den Kopf:

 

„Na bei Hermann, Sarahs Bruder, nachmittags nach der Schule.“

 

Dann stampfte sie trotzig mit dem Fuss auf:

 

„Aber du hast doch gesehen, dass der Steine sich bewegt hat.“

 

Susan lächelte jetzt etwas verkrampft:

 

„Aber Ira, dann hast du den Stein angestossen.“

 

Ira spürte wie unkontrollierbarer Zorn in ihr aufstieg, wie immer, wenn die Erwachsenen ihr nicht glaubten oder etwas Unwahres sagten. Sie kannte das Gefühl gut und hatte auch schon bemerkt, dass ihre Mutter sich davor fürchtete. Normalerweise versuchte sie daher, es zu verbergen. Heute jedoch vergass Ira jegliche Vorsicht in der Aufregung darüber, dass sie den Stein vor ihr wirklich bewegen konnte. Sie drehte sich schnell von ihrer Mutter weg. Da ihr so schnell nichts anderes einfiel, lenkte sie ihren Zorn auf den Stein. Der machte daraufhin einen kleinen Satz und schoss wieder ein paar Meter durch den Raum. Er blieb direkt vor Richards Füssen liegen, der die Treppe heruntergekommen war und in der Tür stand.

 

Nach diesem Erfolg war Iras Zorn sogleich verflogen. Sie juchzte auf, rannte aufgeregt hinter dem Stein her, blieb vor Richard stehen und jubelte:

 

„Er ist geflogen, er ist geflogen.“

 

Sie schaute vertrauensvoll zu Richard auf und sagte mit tiefem Ernst:

 

„Wenn ich gross bin, möchte ich gerne Harry Potter heiraten. Meinst du das geht?“

 

Richard unterdrückte ein Lächeln, ging in die Knie, legte Ira eine Hand auf den Kopf und sagte:

 

„Das weiss ich nicht, wir wissen ja nicht, ob Harry das auch will.“

 

Ira nickte ernsthaft und antwortete:

 

„Wenn ich ganz viel übe, dann will er vielleicht?“

 

Richard nahm Ira in die Arme und zwinkerte Susan zu. Doch Susan zog nur scharf die Luft ein und sagte:

 

„Nichts wirst du!“

 

„Schhh….“ Machte Richard beruhigend. „Das ist doch alles nur Spiel, lass sie doch.“

 

Doch Susan machte eine hilflose Handbewegung in Richtung des Steins und sagte:

 

„Ich weiss nicht, ob man das Spiel nennen kann.“

 

Richard runzelte die Augenbrauen:

 

„Aber du glaubst doch nicht im Ernst…?“

 

Susan schaute ihn mit grossen verunsicherten Augen an. Die Hilflosigkeit in ihrem Blick liess Richard erstaunt aufmerken und er sagte verdattert:

 

„Aber Susan….?“

 

Susans Gedanken rasten. Das Bild der dreijährigen Ira, die sich voller Wut laut schreiend auf den Gehweg warf und zornig mit den Beinen strampelte, weil sie beim Einkaufen nicht die Haribo-Tüte einpacken durfte, stand vor ihren Augen. Susan hatte Ira zunächst ignoriert und in Ruhe die Einkäufe in das Auto gepackt. Als Ira sich allerdings hartnäckig weigerte einzusteigen, war Susan ungeduldig geworden. Sie beugte sich zur der noch immer laut schreienden Ira hinunter und packte sie am Arm. Ira drehte sich zu ihrer Mutter und schleuderte ihr ihren Zorn entgegen. Susan liess erschrocken die Autoschlüssel fallen, die direkt im Gully verschwanden. Erstaunlicherweise war Iras Zorn sofort völlig verschwunden. Susan, die einen heftigen Schlag auf der Hand verspürt hatte, den sie sich nicht erklären konnte, war so erschrocken, dass sie vor Schreck anfing zu weinen. Erinnerungen an ihre Mutter waren siedend heiss in ihr hoch geschossen. Ein kräftiger, durchdrainierter Jogger war besorgt neben ihnen stehen geblieben. Susan hatte sich schnell gefasst und erklärte ihm, dass sie einen langen, anstrengenden Tag gehabt hätte und ihr nun auch noch der Autoschlüssel dort in den Gully gefallen sei. Der Jogger lachte verständnisvoll:

 

„Aber das ist doch nicht schlimm. Das ist mir auch schon mal passiert. Das haben wir gleich.“ Mit einem entschlossen Griff, hob er den Gully-Deckel an und konnte tatsächlich den Autoschlüssel bergen.

 

Als Susan jetzt an diese Szene zurückdachte, spürte sie, wie sich ihr Magen nervös zusammenzog. Doch Richards Erstaunen und seine völlige Ruhe und Sicherheit beruhigten sie. Sie stiess hörbar die Luft aus, die sie die ganze Zeit angehalten hatte und konnte nun endlich entspannt lächeln:

 

„Nein, ich…. Ich weiss auch nicht, was ich plötzlich gedacht habe. Ira schafft es immer wieder mich völlig aus ….“

 

Sie stoppte, denn ihr wurde bewusst, dass Ira ja immer noch da war, auch wenn sie, so tief in Richards Arme gekuschelt, kaum zu sehen war.

 

Richard lächelte sie verständnisvoll an:

 

„Das war wohl ein Gruss von deiner Mutter.“

 

Susan lachte nun leicht auf, wobei das Lachen etwas bitter klang. Richard stand auf, wuschelte Ira noch einmal abschliessend durch die Haare, ging zu Susan, nahm sie in den Arm, streichelte ihr beruhigend über den Rücken und murmelte leise in ihr Ohr:

 

„Es ist alles gut, kein Grund zur Sorge. Ira ist ein ganz normales, gesundes, verspieltes, verträumtes, temperamentvolles Kind.“

 

Dann wandte er sich um und sagte laut:

 

„So und jetzt kommt ihr Beiden hoffentlich zum Essen, sonst wird der Risotto endgültig kalt.“

 

 

 

Das Abendessen verlief harmonisch. Susan war dank Richards Anwesenheit entspannt und Ira hatte intuitiv erkannt, dass sie für heute am besten nicht mehr Susans Aufmerksamkeit auf sich zog. Sie verhielt sich still und dachte an den Fuchs. An den Fuchs zu denken war ein Spiel, das sie seit einiger Zeit mit sich selber spielte, seit sie im Kinderprogramm eine Sendung über einheimische Wildtiere gesehen hatte. Darin war ein Fuchs gezeigt worden, der sich im frühmorgendlichen Nebel so perfekt in die Landschaft einpasste, dass er praktisch nicht zu sehen war. Sie hatte hinterher sowohl Susan, wie Richard und sogar noch ihre Lehrerin gefragt, wie es denn sein konnte, dass ein Fuchs mit seinem leuchtend roten Fell fast unsichtbar war. Susan und die Lehrerin hatten kein Verständnis für ihre Frage gehabt und gesagt, wenn es nicht dunkel oder sehr neblig sei, dann könne man einen Fuchs immer sehen. Richard hatte sich die Mühe gemacht, die Sendung noch einmal abzurufen und sie hatten sie beide gemeinsam angeschaut. Richard hatte die Sendung sogar für Ira auf DVD gebrannt. Aber auch Richard hatte nicht wirklich verstanden und gesagt, dass man den Fuchs einfach wegen des Nebels nicht wirklich sehen könne. Ira hatte sich einmal mehr über die Dummheit und das Unverständnis der Erwachsenen gewundert. Die verstanden wirklich die einfachsten und offensichtlichsten Dinge nicht. Es war doch ganz klar, dass das Reh ganz deutlich zu sehen war, während der Fuchs so gut wie nicht zu erkennen war. Man musste ganz genau und bewusst hinschauen, sonst sah man ihn nicht. Und Ira spürte instinktiv, dass sie ihn nur sah, weil die Kamera ihn aufgenommen hatte. Wenn sie in Wirklichkeit dort am Waldrand gewesen wäre, hätte sie den Fuchs sicher nicht gesehen. Warum sie ihn auf dem Film sehen konnte, in Wirklichkeit aber nicht, wusste Ira nicht zu sagen. Aber sie spürte, dass das so war.

 

Sie war später noch einmal ins Wohnzimmer geschlichen, um sich wieder und wieder den Fuchs anzusehen. Und in den nächsten Tagen hatte sie mehrere Male sehr intensiv an den Fuchs gedacht, oder eigentlich war es nicht ein an-den-Fuchs-denken, sondern eher ein sich-in-die-Situation-hineinfühlen. Sie hatte überlegt, wie sich das Reh fühlt und dann, wie sich der Fuchs fühlt und dabei merkte sie, wie sie sich plötzlich rundum warm und weich anfühlte. Sie liebte dieses Gefühl und seitdem spielte sie oft das Spiel, das sie nun „wie-der-Fuchs-fühlen“ nannte. Einmal als sie in der Pause auf dem Schulhof sass und wieder das Spiel spielte, lief ihre Freundin Sarah direkt an ihr vorbei, ohne sie zu sehen. Ira erinnerte sich an das kribbelnde Gefühl der Aufregung, dass in ihr hochgestiegen war, als sie merkte, dass Sarah sie nicht sah. Doch in dem Moment, wo sich das weiche und warme Gefühl auflöste und die Aufregung sie mit Unruhe durchflutete, hatte Sarah, die schon fast an ihr vorbei war, sie aus dem Augenwinkel entdeckt und zuckte erschrocken zusammen.

 

„Wo kommst du denn her?“

 

„Was denn? Ich habe die ganze Zeit hier gesessen!“

 

Sarah hatte sie einen Moment argwöhnisch angeschaut und dann erleichtert gelacht:

 

„Ich hab dich gar nicht gesehen! Gehst du mit mir zum Pausenraum?“

 

Eigentlich wäre Ira lieber sitzen geblieben und hätte noch ein wenig das Fuchs-Spiel gespielt, aber sie ging mit Sarah mit. Doch sie wusste, es war etwas Wichtiges passiert und jetzt spielte sie das Spiel oft, wenn sie alleine war. Sie lernte sehr schnell das Fuchsgefühl aufzurufen und auch wieder wegzuschicken und irgendwann fing sie an, es einzusetzen, wenn sie nicht gesehen werden wollte. Am Anfang machte es ihr fast Angst, wie gut es funktionierte. Sie konnte alle ihre Klassenkameraden, ihre LehrerInnen und sogar Richard täuschen. Nur mit Susan funktionierte es nicht. Zumindest nicht so gut. War Susan abgelenkt oder mit anderen Sachen beschäftigt, dann übersah auch sie Ira, wenn sie still in der Ecke sass und wie der Fuchs fühlte. Aber wenn Susan sie gezielt suchte, dann funktionierte es nicht.

 

 

 

„Ira! Ira, Du träumst doch schon wieder.“

 

Ira zuckte zusammen und schaute auf. Susan und Richard hatten aufgehört sich zu unterhalten. Beide hatten schon aufgegessen, während Iras Teller noch fast voll war.

 

„Hast du keinen Hunger oder schmeckt dir der Risotto nicht?“ fragte Richard.

 

Ira merkte wie ihr Magen knurrte und begann eilig zu essen.

 

„Schmeckt gut!“ sagte sie höflich.

 

Richard grinste:

 

„Na, so einfach kannst du uns nicht einlullen.“

 

„Wirklich, Ira, wovon hast du denn schon wieder geträumt.“

 

Ira überlegte blitzschnell, aber sie wusste genau, im Gegensatz zu Richard, der sich sehr leicht täuschen liess, konnte sie Susan nicht anlügen. Ihre Mutter spürte immer sofort, wenn sie nicht die Wahrheit sagte.

 

„Ich habe nur an den Fuchsfilm gedacht“, nuschelte sie mit vollem Mund.

 

Susan machte eine ungeduldige Bewegung, doch Richard legte ihr beschwichtigend die Hand auf den Arm und sagte bestimmt zu Ira:

 

„Dann iss jetzt mal. Und wenn du möchtest können wir den Film nochmal zusammen anschauen, bevor du ins Bett gehst.“

 

„Ja“, stimmte Susan versöhnlich zu, „dann räume ich die Küche auf, Richard hat ja schliesslich gekocht.“

 

Ira sagte lieber nicht, dass sie den Film schon zehnmal gesehen hatte, sondern nickte glücklich. Es würde sicher schön, sich mit Richard auf das grosse Sofa zu kuscheln und den Film noch einmal anzuschauen. Und vielleicht käme ja sogar noch Susan dazu und es würde einer dieser seltenen Momente, wo auch Susan ganz entspannt mit ihnen kuschelte.

 

 

 

Am Sonntag war wunderschönes Wetter. Die Sonne funkelte durch das bunte Herbstlaub und die Familie beschloss, nach dem Frühstück einen Spaziergang durch den Klövensteen und das Naturschutzgebiet Schnakenmoor zu machen. Ira liebte diese gemeinsamen Spaziergänge. Schon wenn sie aus ihrem Haus am Sandmoorweg traten, lief sie begeistert die Strasse auf und ab, bis ihre Eltern endlich mit ihr auf einer Höhe waren. Sie schritten zügig los, Ira lief voraus oder trödelte hinterher. Als sie den Wald erreichten, schlurfte Ira mit den Füssen durch das raschelnde Laub oder warf Bündel von trockenen Blättern über Richard, der das Spiel lachend aufnahm und Ira seinerseits durch den Wald jagte und mit Laub überschüttete. So traten sie völlig ausser Atem auf der anderen Seite des Schnakenmoors aus dem Wald und standen vor dem bekannten Gestüt Erlengrund. Die Sonne, die herbstliche Färbung, die Stille der Lichtung liess die Stadt kilometerweit entfernt erscheinen. In diesem Moment trat ein grosses, schwarzes Pferd aus der offenen Tür eines Laufstalles. Sein Fell spiegelte und glänzte in der Sonne und als es jetzt mit erhobenem Kopf über die Koppel schritt, sahen sie die Muskeln unter dem Fell spielen. Sie blieben alle drei berührt von der Schönheit des Momentes stehen. Ira schien es, als sei sie zu tiefst in ihrem Inneren getroffen. Einen Moment vergass sie alles um sich herum und ging wie hypnotisiert auf das Pferd zu. Das wunderschöne Geschöpf hatte sich nun zu ihr gedreht und ging ebenfalls auf sie zu. Ira überlegte nicht lange, stieg durch den Zaun und stand kurze Zeit später völlig versunken vor dem Pferd. Sie spürte kurz eine Aufregung hinter sich, vermutlich waren das Susan und Richard, die sie aufhalten wollten, aber sie schenkte ihnen keinerlei Beachtung. Sie sah jetzt nur die grossen, dunkel glänzenden Augen, die immer näher kamen, als sich der grosse Pferdekopf langsam und vorsichtig über sie beugte. Sie sah die weichen Nüstern, die sie aus einem Impuls heraus ganz vorsichtig anpustete. Das Pferd antwortete, indem es sie seinerseits mit einem leichten Ausatmen anpustete. Dann standen sie versunken nebeneinander, das Pferd den Kopf tief gesenkt, Ira wie in tiefer Trance, in weicher Weite schwebend. Sie empfand das Pferd wie eine grosse, warme, licht-schwarze energetische Insel in dieser sonst oft so kalten, ungeduldigen, begrenzten Welt.

 

Plötzlich ging ein Schlag durch Ira hindurch, das Pferd riss den Kopf hoch, wirbelte herum ohne Ira auch nur zu berühren und stob im Galopp mit aufgestelltem Schweif davon. Ira hörte die aufgebrachten Rufe eines Mannes hinter sich und als sie sich umdrehte, sah sie sowohl ihre Eltern wie einen fremden Mann auf sich zu rennen. Sie spürte den starken Impuls zu flüchten, weg von diesen Erwachsenen, dem schwarzen Pferd folgen. Doch von dem plötzlichen Herausgerissen sein aus der anderen Welt wurde ihr schwindlig. Sie stolperte und fiel hin.

 

„Ira, Ira, hat er dich getroffen?“

 

Susans Stimme war besorgt und ärgerlich zu gleich. Dann fühlte sie sich hochgehoben und kuschelte sich erleichtert in Richards Arme.

 

„Mensch, Ira, haben wir einen Schreck bekommen. Zum Glück ist nichts passiert.“

 

Ira hob den Kopf und sagte staunend zu Richard:

 

„Hast du ihn gesehen? Hast du das Pferd gesehen?“

 

Richard musste gegen seinen Willen lachen:

 

„Ja natürlich habe ich ihn gesehen. Er war ja nicht zu übersehen. Und du übrigens auch nicht, wie du so einfach auf die fremde Koppel marschiert bist.“

 

Ira ignorierte den Vorwurf in der Stimme und sagte träumerisch:

 

„Das ist das schönste Pferd, das ich je gesehen habe. Ich wusste gar nicht, dass es so schöne Pferde gibt.“

 

Sie drehte den Kopf und suchte die Koppel mit den Augen ab.

 

„Gehen wir ihn nächste Woche wieder besuchen?“

 

Jetzt hörte sie ein überraschtes Schnauben und drehte sich um. Vor ihr und Richard stand ein mittelgrosser Mann in Reitkleidung. Sein Gesicht hatte viele Lachfalten, jetzt schaute er allerdings sehr verärgert als er sagte:

 

„Also das ist doch die Höhe. Marschiert die Göre einfach zu einem ihr völlig fremden Hengst auf die Koppel, wäre um ein Haar platt gemacht worden und fragt dann noch, ob sie nächste Woche wieder kommen darf.“

 

Einen Moment sah er Ira durchdringend an. Dann sagte er:

 

„Eigentlich sollte ich dir jetzt den Hintern versohlen. Und wenn ich nicht gesehen hätte, wie der Hengst dich begrüsst hat, würde ich das auch machen.“

 

Dann drehte er sich zu Susan und Richard und streckte die Hand aus und sagte:

 

„Darf ich mich vorstellen, mein Name ist Fischbeck.“ Susan und Richard stellten sich ebenfalls vor und dann sagte Susan:

 

 „Sie haben natürlich völlig Recht, das Ira nicht einfach auf fremde Koppeln gehen darf, schon gar nicht, wenn dort Pferde stehen. Aber ich muss doch protestieren, dass sie ….“

 

Fischbeck drehte sich zu Susan um, und grinste:

 

„Ja, ja, ich weiss schon, Prügelstrafe ist heute nicht mehr angebracht. Trotzdem….Ein Mädel, das einfach zu fremden Pferden auf die Koppel marschiert, gehört einfach mal der Hosenboden versohlt.“

 

Er knurrte und drehte sich wieder zu Ira, sah sie streng an und sagte:

 

„Versprich mir, dass du nie, aber auch wirklich nie wieder, ohne meine Erlaubnis zu diesem Pferd auf die Koppel gehst…“

 

Ira zögerte. Sie sah sehnsüchtig zu dem Hengst.

 

Fischbeck packte sie fest und fordernd an der Schulter und sagte eindringlich:

 

„Du versprichst das jetzt sofort, sonst werde ich jedes Mal, wenn du dich diesem Hof nur näherst, die Polizei rufen.“

 

Jetzt nickte Ira widerwillig.

 

„Gut,“ nickte Fischbeck, „da wir das geklärt haben, würde ich vorschlagen, diese junge Dame reiten lernen zu lassen. Was ich eben gesehen habe, ist so absolut ungewöhnlich für dieses Pferd, dass ich vermute, sie hat eine ganz besondere Gabe mit Pferden zu kommunizieren.“

 

Richard schnappte erstaunt nach Luft, Susan stöhnte auf und Ira befreite sich begeistert zappelnd aus Richards Armen. Sie packte Fischbeck am Arm und sprang aufgeregt vor ihm auf und ab.

 

„Oh ja, darf ich ihn reiten, darf ich ihn reiten?“

 

Fischbeck schüttelte lachend den Kopf:

 

„Nein, natürlich darfst du nicht Tasso reiten. Das ist kein Anfängerpferd. Ausserdem ist er gerade erst mal drei Jahre alt und wird gerade erst angeritten. Zudem hat dieses Pferd ein solches Temperament, dass es nicht nur für Anfänger lebensgefährlich ist.“

 

Er schüttelte immer noch lachend den Kopf, als er sagte:

 

„Du kannst von Glück sagen, dass du noch lebst, dieses Pferd ist absolut unberechenbar. Aber du darfst auf meiner Stute Maggie das Reiten lernen. Und lass dir das gesagt sein: das habe ich noch niemandem angeboten. Also verhalte dich entsprechend und sei dir der Ehre bewusst.“

 

Nach einer kurzen Diskussion willigten Susan und Richard schnell ein, dass Ira von nun an ein- bis zweimal die Woche zum Reitunterricht kommen sollte. Da Fischbeck normalerweise keinen Reitunterricht gab, sollte Ira neben der Bezahlung der Reitstunden sich im Anschluss an die Reitstunden um seine zwei alte Gnadenbrotpferde kümmern, für die Fischbeck nur sehr wenig Zeit hatte.

 

 

 

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