Kindheit, 2. Abschnitt

(Zeilen 275 - 535, ca. 10 min Lesenzeit)

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Ira war restlos begeistert. Auf dem Nachhauseweg sprang sie voller Begeisterung um Susan und Richard herum und erzählte in einem Fort von den Pferden, und was Fischbeck gesagt hatte und dass sie jetzt reiten lernen würde, und, und, und… Susan und Richard waren schweigsam, jede in ihre eigenen Gedanken versunken. Richard war absolut verwundert, was da eben passiert war und ihm wurde wieder bewusst, was für ein ungewöhnliches Kind Ira war. Susan dagegen kämpfte wieder mit der alten Angst. Sie sah das grosse Pferd sich über Ira beugen und sie schrieb es ihrer Panik zu, dass sie meinte gesehen zu haben, wie Ira und dieser schwarze Hengst eins wurden. Einen Moment hatte sie gedacht, der Hengst habe Ira einfach überrannt, weil sie Ira nicht mehr sehen, nicht mehr von ihm unterscheiden konnte. Aber natürlich war ihr jetzt klar, dass ihre Panik, der Schock und die tiefstehende, blendende Sonne sie getäuscht hatten. Sie schüttelte sich, um die wieder aufkeimende Angst los zu werden. Als sie für einen Moment die Augen schloss, sah sie das lachende Gesicht ihrer Mutter vor sich. Susan schwankte und griff hilfesuchend nach Richard. Der legte ihr beruhigend den Arm um die Schultern, drückte sie fest und beschützend an sich und murmelte ihr lächelnd ins Ohr: „Keine Angst, das war nichts Magisches. Wir haben einfach eine ganz besondere Tochter.“

 

 In den nächsten Wochen vertiefte Ira das „wie-der-Fuchs-fühlen“-Spiel und es gelang ihr immer besser. Wieder und wieder versuchte sie, Susan zu täuschen, doch meist schaffte sie es nicht. Eines Abends als Susan spät nach Hause kam und Ira schon längst im Bett hätte sein sollen, kuschelte sich Ira schnell in die Sofaecke und vertiefte sich voller Konzentration in das Fuchsgefühl. Susan ging auch tatsächlich an der offenen Türe vorbei und nahm Ira nicht wahr. Sie ging in die Küche, kam dann aber in das Wohnzimmer, in der Hand die kostbare Rosenthal Vase, die sie zurück in den Schrank stellen wollte. Plötzlich zuckte sie zusammen und wandte sich zu Ira.

 

„Aber Ira, was versteckst du dich den hier, du solltest doch seit einer Stunde im Bett sein! Ich hatte dich doch, bevor ich ging, extra gebeten, ins Bett zu gehen.“

 

Ira murmelte als Antwort etwas Unverständliches, worauf ihre Mutter mit zwei schnellen Schritten zu ihr hintrat, sie mit der einen Hand am Arm packte und vom Sofa hochzog, während sie sie gleichzeitig scharf anwies, sofort, aber auch wirklich sofort, ins Bett zu gehen. Die Vase hielt Susan jetzt nur noch mit einer Hand. Ira, die sich tiefversunken konzentriert hatte, spürte wie der Zorn in ihr wie eine heisse Flamme hochschoss. Sie war plötzlich nichts anderes als Zorn, ihr ganzer Körper war dieses Gefühl. Um davon nicht überwältigt zu werden, versuchte sie instinktiv, es aus ihrem Körper herauszuschleudern. Da ihre Mutter gleichzeitig an ihrem Arm zog, drehte sie ich zu ihrer Mutter um und schleuderte ihr ihren Zorn entgegen. Später würde Susan erzählen, dass sie die Vase habe fallen lassen, weil sie Ira ausweichen wollte. Und irgendwann würde sie auch glauben, dass es so geschehen war. Aber Ira sah noch ganz genau vor sich, wie ihre Mutter nach einem lauten Knall den Hals der Vase immer noch fest in der Hand hatte, während der untere Teil des feinen Porzellans in Stücke zersprungen war.

 

Einen Moment war die Zeit stehen geblieben. Ihre Mutter stand mit offenem Mund und starrte Ira entsetzt an. Ira selber war sehr erschrocken. Mit einem kleinen Wimmern ging sie in die Knie und begann eilig, aber sehr sorgsam, alle Scherben aufzusammeln. Und als ihre Mutter sich weiterhin nicht rührte, legte Ira die eingesammelten Scherben vorsichtig auf den Wohnzimmertisch und floh in ihr Zimmer.

 

 

Ira ging gerne zur Schule. Es viel ihr leicht, dem Unterricht zu folgen und nachdem sie auch noch gelernt hatte, sich in einigen Situationen unsichtbar zu machen oder zumindest nicht weiter aufzufallen, fühlte sie oft ein Gefühl der Leichtigkeit und Freude in der Schule, dass sie von zu Hause nicht kannte. Nach der Schule trödelte sie manches Mal herum oder ging Umwege nach Hause. Ihr Lieblingsweg führte von der Schule in der Brunhildstrasse durch den angrenzenden Klövensteen, auch wenn sie anfangs immer etwas Angst hatte durch den Wald zu gehen. Susan hatte sie gebeten, auf keinen Fall alleine durch den Klövensteen zu gehen, lieber würde sie sie abholen, wenn Ira der Weg um den Wald herum zu weit war. Aber Susan war nie zu Hause, wenn Ira mittags heimkam, und bis abends dachte Susan nicht mehr daran und fragte nie, welchen Heimweg Ira genommen hatte. In der ersten und zweiten Klasse traute Ira sich nur durch den Wald zu gehen, wenn mindestens Sarah oder am besten noch andere Freundinnen mitkamen. Doch als sie in der dritten Klasse waren, zog Sarahs Familie um und seitdem wurde Sarah immer von ihrer Mutter abgeholt. Andere Klassenkameradinnen fanden es schon bald gar nicht mehr interessant, durch den Wald zu gehen und vor allem wollten sie sich ihre Schuhe nicht dreckig machen. So ging Ira öfters alleine durch den Wald nach Hause. Nachdem sie gelernt hatte, wie der Fuchs zu fühlen, ging sie jeden Tag diesen Weg. Sie ging immer ganz leise durch den Wald und lauschte auf Geräusche. Sobald sie etwas Ungewöhnliches hörte oder sah, konzentrierte sie sich auf das Fuchsgefühl, versteckte sich schnell hinter einem Baum und liess, wer immer da so kam, an sich vorbeigehen. Eines Tages hörte sie neben sich im dichten Gebüsch aus Brennnesseln, Himbeeren und Kletten ein Rascheln. Sie blieb sofort wie angewurzelt stehen und konzentrierte sich. Gerade fühlte sie sich warm, weit und weich an, da purzelten zwei junge Füchse aus dem Gestrüpp. Sie tollten herum, jagten sich und fingen ihre eigenen Schwänze. In Ira stieg eine solche Freude auf, dass sie aufjauchzte. Die Füchse fuhren herum, blieben in der Bewegung erstarrt wie angewurzelt stehen und schauten sie an. Ira sah die grossen dunklen Augen, die gespitzten Ohren, das noch ganz weich aussehende Fell, das noch nicht den wirklichen Rotschimmer hatte sondern eher goldbraun aussah und die schwarze Schwanzspitze. Doch schon hatten die jungen Füchse sich gefangen und waren wie der Blitz verschwunden. Iras Herz klopfte so stark, dass sie sich erst einmal gegen eine der grossen alten Buchen lehnte, bevor sie nach Hause ging.

 

Zweimal die Woche fuhren entweder Susan oder Anna, ihre Haushaltshilfe, die immer dann da war, wenn Susan und Richard nachmittags arbeiteten, Ira nachmittags zum Gestüt Erlengrund. Zunächst lernte sie Maggie zu putzen, Hufe auszukratzen, zu satteln und zu trensen. Bevor sie reiten durfte, musste sie lernen, sie zu führen, an der Longe in allen drei Gangarten gehen zu lassen und dasselbe auch selbstständig mit den beiden alten Gnadenbrotpferden Urbino und Belladonna zu machen. Urbino und Belladonna waren beide als Dressurpferde im hohen Tuniersport gestartet. Für ihr Alter, 23 und 25 Jahre, waren sie noch erstaunlich temperamentvoll, aktiv und durchaus nicht immer einfach. Das jahrelange Dressurtraining und regelmässige Gymnastizieren hatte sie fit gehalten. Sie forderten Iras ganze Präsenz und Konzentration. Oft genug büchsten sie ihr auf der Koppel aus und galoppierten hoch hinauf zum Waldrand, wenn Ira ihnen gerade das Halfter anziehen wollte. Ira musste dann den ganzen langen Hang hinaufstapfen, nur damit die beiden, sobald sie oben angekommen war, im vollen Galopp an ihr den Hang wieder hinunter preschten. Einmal sah sie Fischbeck, wie er sie lachend vom Stall aus beobachtete, ihr aber nicht zu Hilfe kam. So lernte Ira schnell, alle ihre Fähigkeiten einzusetzen, wenn sie bei den Pferden war. Oft konzentrierte sie sich darauf wie-der-Fuchs-zu-fühlen, wenn sie zu den Pferden auf die Koppel ging und merkte schnell, dass die Pferde dann fast immer stehen blieben. Nach einigen Wochen kamen sie ihr sogar entgegen, zunächst im Schritt, dann bald auch schon mal im Galopp wenn sie sich hinstellte, und wie-der-Fuchs-fühlte.

 

Es gab feste Regeln und Abläufe am Stall. Wenn sie kam, holte sie Maggie aus der Box oder von der Koppel, putzte und sattelte sie und begann zu longieren bis Fischbeck kam. Die halbstündige Reitstunde verging immer viel zu schnell. Danach kümmerte sich Ira meist noch um Urbino und Belladonna und der Nachmittag verging wie im Flug.

 

Wenn Ira noch Zeit hatte, bevor ihre Mutter sie abholte, schlich sie sich zu Tassos Box oder seiner Koppel. Sie brauchte ihn meist gar nicht zu rufen, er kam fast immer sofort und stellte sich neben sie. So standen sie beide oft mit halb geschlossenen Augen, völlig versunken, zu einer energetischen Wolke verschmolzen. Ira hielt sich strikt an Fischbecks Regel nicht zu Tasso  in die Box oder Koppel zu gehen. Sie war sich zwar völlig sicher, dass Tasso ihr nichts tun würde, aber sie wusste, das war Teil der Abmachung und sie respektierte das. Sie wusste auch, dass Fischbeck Ärger bekommen würde, wenn die Besitzer von Erlengrund oder gar die Eigentümer von Tasso sie mit dem Pferd sehen würden.

 

Ira sah nicht, wie Fischbeck sie mehrmals nachdenklich beobachtete, wenn sie bei Tasso  stand. Ihr fiel auch nicht auf, dass er bewusst Lärm machte, wenn ihre Mutter draussen auf dem Hof vorfuhr, um sie darauf vorzubereiten, dass sie abgeholt wurde. Und sie hörte nicht, wie Fischbeck intensiv mit ihrer Mutter sprach, als sie die Reitstunden bezahlte und wie er ihr erzählte, wie ungewöhnlich begabt Ira im Umgang mit Pferden sei. Seine alten Pferde seien nicht einfach und es sei absolut erstaunlich, dass Ira, so jung wie sie war, schon nach wenigen Wochen alleine mit ihnen umgehen könne.

 

Manchmal durfte Ira auch am Samstag zum Stall. Dann hatte sie kein festes Programm sondern half Fischbeck Pferde zu putzen, zu satteln, von der Koppel zu holen oder schaute ihm beim Training zu. Sie liebte es, zu zuschauen, wenn er den jetzt vierjährigen Tasso trainierte. Fischbeck war immer mit voller Konzentration beim Pferd und wurde nie grob oder laut. Selbst wenn Tasso in volle Kampfhaltung oder Verweigerung ging, blieb er bestimmt aber geduldig. Ira konnte sehen, wie das Pferd sich im Laufe der Wochen immer mehr unter seinem Reiter entspannte, wie die Bewegungen flüssiger wurden, die Gänge schwebender und es gab Momente da schienen die einfachsten Trabbewegungen ein überirdisch schöner Tanz zu sein. Sehr schnell kamen auch die ersten Turniererfolge. Eigenartiger Weise schien sich Fischbeck gar nicht darüber zu freuen, es schien ihm eher Sorge zu machen. Und wenn Ira ihn in kindlichem Stolz über neue Schleifen und Pokale ausfragen wollte, die im Reiterstübchen standen, war er sehr einsilbig.

 

Eines Tages gab es an einem Samstag für Ira nicht viel zu tun. Fischbeck war mit Möller, dem Besitzer von Tasso , im Reiterstübchen und hatte ihr keine Aufgaben übertragen. Ira suchte Tasso  und fand ihn auf dem Paddock, dessen hinterer Zaun am Geräteschuppen endete. Sie setzte sich mit dem Rücken an die Holzwand des Geräteschuppens gelehnt und schaute Tasso  zu, der in der Sonne döste. Tasso  hatte sie sofort bemerkt und kam nach einer Weile wie zufällig zu ihr hin geschlendert. Ira legte einen Arm auf den unteren Balken des Holzzauns und Tasso begrüsste sie mit einem leichten Schnauben und stupste sie mit seinen weichen Nüstern ganz sanft am Arm. Ira schloss die Augen und dann versanken sie beide in einer weiten, weichen, grenzenlosen Welt. Ira fühlte die Sonne warm auf ihrem Gesicht, den Atem des Pferdes wie eine hauchzarte Liebkosung an ihrem Arm und tiefer innerer Frieden erfüllte sie. Irgendwann spürte sie plötzlich eine Bewegung. Als sie die Augen öffnete, hatte Tasso  den Kopf gehoben und schaute aufmerksam zum Geräteschuppen. Und da hörte sie auch schon die Stimmen von Fischbeck und Möller.

 

„Na, aber er sieht doch toll aus. Voll im Saft….Höhepunkt seiner Kraft….. Und auf den letzten Turnieren gab es doch überhaupt keine Probleme mehr.“

 

„Du siehst die Probleme eben nicht.“ entgegnete Fischbeck. „Es gab einige kritische Situationen auf dem Abreiteplatz und auch hinterher wieder hier zu Hause. Es ist einfach zu früh und er ist viel zu jung, ihn in den Wettkampf-Sport zu nehmen. Die nervliche Belastung ist für dieses Pferd zu hoch. Er geht dann voll in Abwehr und Kampfeshaltung.“

 

„Solange ich die Probleme nicht sehe, sehen die Richter und potentiellen Züchter, die darauf warten, ihre Stuten decken zu lassen, sie auch nicht. Das ist das, was zählt. Er braucht noch ein oder zwei richtig hohe Erfolge. Wir verlieren jedes Jahr Hunderttausende, wenn wir ihn zurückhalten.“

 

„Und wenn wir ihn überfordern, dann verliert ihr Millionen. Dieses Pferd ist alles oder nichts. Wenn ihr ihn überfordert, verspannt er sich, dann ist seine ganze Faszination dahin.“

 

„Ach komm schon, Bernd, nun übertreib nicht. Du fasst die Pferde immer mit Samthandschuhen an. Es geht hier um Leistungssport. Und das ist ein ausgewachsener, voll im Saft stehender Hengst. Der braucht doch keine Schonung.“

 

Die Stimmen entfernten sich und gleichzeitig hörte Ira ein Auto hupen. Das war ihre Mutter, die sie abholen kam. Sie schlich sich hinten um den Weideschuppen herum, damit sie nicht gesehen wurde, ging schnell noch bei Maggie, Urbino und Belladonna vorbei, um ihnen ein Leckerli zu bringen und stieg dann zu ihrer Mutter ein.

 

„Wo warst du denn? Fischbeck sagte, er hat dich den ganzen Nachmittag nicht gesehen.“

 

Ira zuckte die Schultern:

 

„Er hat ja auch die ganze Zeit mit Möller verhandelt, die meiste Zeit waren sie im Reiterstübchen.“

 

In den nächsten Monaten war Fischbeck nun noch öfter mit Tasso unterwegs. Einige Male wurden Meisterschaften und internationale Turniere im Fernsehen übertragen, an denen die beiden starteten. Ira sass immer wie gebannt vor dem Fernseher und oft setzte sich Richard oder sogar Susan dazu. Tasso begeisterte zunehmend die Zuschauer und offensichtlich auch die Richter. Seine Ausstrahlung, seine schwebenden Gänge, die ganze Performance dieses grossen schwarzen Hengstes schienen den Dressursport auf ein ganz neues Level zu heben. Das Paar sahnte einen Preis nach dem anderen ab. Ira war unglaublich stolz. Leider teilte an ihrer Schule niemand ihre Begeisterung und nicht einmal Sarah verstand, warum Ira so stolz war, Tasso zu kennen.

 

Auf dem Nachhauseweg von der Schule hoffte Ira jeden Tag den Füchsen wieder zu begegnen. Eines Tages spielten sie unweit des Gestrüpps, wo sie ihr zum ersten Mal begegnet waren. Ira war vorbereitet. Sie blieb stehen und versetzte sich sofort in das Fuchsgefühl. Die jungen Füchse bemerkten sie nicht und tobten ausgelassen umher. Dann kamen sie sogar näher und waren irgendwann zum Greifen nahe. Und nun sah Ira, dass etwas weiter hinten sich noch etwas bewegte. Es hatte dieselbe Grösse wie die jungen Füchse, aber es war weiss. Ira strengte sich an, zu erkennen, was das sein könnte und schliesslich sah sie es: der dritte der jungen Füchse war schneeweiss, aber auch er mit schwarzer Schwanzspitze. Vor Überraschung und von der Schönheit des jungen Tieres beeindruckt, hielt Ira die Luft an. Sofort schauten die beiden Fuchswelpen neben ihr auf. Ira nahm alle ihre Konzentration zusammen, um im Fuchsgefühl zu bleiben. Es gelang ihr, doch die Tiere hatten sie wahrgenommen und blieben nun misstrauisch witternd stehen. Der grössere der Beiden kam mit weit vorgestreckter Schnauze noch einen Schritt auf Ira zu und schnüffelte an ihr. Dann sprang er bellend zurück und mit wenigen grossen Sätzen waren beide Tiere verschwunden. Gerade wollte Ira sich enttäuscht umwenden und weitergehen, da sah sie, dass der dritte Welpe, der weisse Fuchs, nicht weggelaufen war. Er sass mit schräg gelegtem Kopf und gespitzten Ohren etwa 10 m von ihr entfernt und schaute sie an. Ira seufzte unwillkürlich und ohne dass sie irgendetwas tat, verstärkte sich das Fuchsgefühl in ihr so, dass sich alle Grenzen ihres Körpers auflösten und sie zu schweben schien. Als das Gefühl so stark war, dass es ihr fast Angst machte, kam der kleine weisse Fuchs auf sie zu, schnüffelte an ihren Schuhen und setzte sich dann still neben sie. In Ira stieg ein solches Glücksgefühl auf, dass sie lächelte und ihr gleichzeitig die Tränen hinunterliefen. Wie lange sie dort sassen, wusste sie später nicht. Irgendwann war der kleine Fuchs aufgestanden und war genauso schnell verschwunden, wie er vorher aufgetaucht war.

 

Als Ira an diesem Tag nach Hause kam, wartete statt Anna, die ihr eigentlich heute Mittagessen kochen mit ihr die Schulaufgaben machen sollte, ihre Mutter auf sie.

 

„Ira, wo kommst du denn jetzt her?“

 

Ira zögerte.

 

„Von der Schule.“

 

„Aber die Schule ist seit anderthalb Stunden zu Ende und du kommst erst jetzt.“

 

Ira schluckte und sagte dann:

 

„Ich habe Füchse gesehen!“

 

„Ira, Du sollst doch nach der Schule nicht irgendwo mitgehen und Fernsehen. Das weisst du doch.“

 

Ira überlegte blitzschnell. Das war eigentlich eine gute Ausrede, vor allem wenn ihre Mutter schon davon überzeugt war, merkte sie nicht, dass es nicht die Wahrheit war. Sie blickte wie schuldbewusst zu Boden. Susan schaute sie skeptisch an, sagte aber nichts.

 

 

Am nächsten Morgen fragte Ira beim Frühstück vorsichtshalber ihre Mutter, ob heute Anna käme. Susan warf ihr einem schnellen Blick zu und sagte dann:

 

„Ja natürlich kommt Anna. Sie musste gestern zum Arzt, heute ist sie wieder da.“

 

Ira versuchte ihre Erleichterung zu verbergen und ass eifrig ihr Frühstück. Dabei sah sie nicht den nachdenklich, forschenden Blick, den ihre Mutter ihr zuwarf.

 

Den ganzen Vormittag war Ira so zappelig vor Ungeduld, dass sie kaum dem Unterricht folgen konnte. Sie schaffte es auch nicht, sich der Aufmerksamkeit der Lehrer zu entziehen und bekam so mehrere Tadel. Doch das störte sie alles nicht, sie wartete nur darauf, dass endlich die Schule zu Ende sei und sie in den Wald laufen konnte.

 

Mit dem Ertönen des Schulgongs sprang sie auf, packte ihre Sachen und lief los. Als sie aus dem Schulhof hinauslief und um die Ecke bog, hatte sie kurz ein Störgefühl. Sie registrierte, dass es ein Gefühl war, dass sie eigentlich mit zu Hause verband. Aber sie ignorierte es und rannte weiter. Atemlos kam sie im Wäldchen an. Nun ging sie langsamer, hielt sogar kurz an und liess das Fuchs-Gefühl in sich entstehen. Dank ihrer monatelangen Übung gelang ihr das nun trotz ihrer Aufregung und sie ging langsam und konzentriert auf die kleine Lichtung zu. Kurz davor blieb sie stehen und schloss einen Moment die Augen. Sie wünschte sich so sehr, den kleinen weissen Fuchs zu sehen, dass sie kaum wagte, die Augen zu öffnen. Als sie endlich aufschaute, sass er tatsächlich genau an dem Platz, wo er sie gestern verlassen hatte. Ira war so überwältigt, dass sie in die Knie ging. Intuitiv verstärkte sie das Fuchsgefühl in sich und als sie das Gefühl hatte, sich in völliger, warmer Grenzenlosigkeit aufzulösen, stand der weisse Fuchs auf und kam zu ihr. Vorsichtig schnupperte er wieder an ihr und hob dann ganz langsam eine Pfote und setzte sie auf ihr Bein. Ira blieb regungslos sitzen. Sie fühlte sich so glücklich wie noch nie in ihrem Leben. Nach einer Weile hob sie ganz vorsichtig die Hand und legte sie dem Fuchs auf die Pfote. Dieser legte daraufhin den Kopf schief und es schien fast, als lächelte er sie glücklich an. In diesem Moment spürte Ira eine aufgeregte Bewegung hinter sich. Auch der Fuchs hatte das bemerkt, sprang zurück und verschwand mit grossen Sätzen im Gebüsch. Ira verspürte ein so starkes Gefühl des Verlustes, dass ihr augenblicklich die Tränen in die Augen schossen. Als sie sich umschaute, was den Fuchs vertrieben habe könnte, sah sie ihre Mutter auf sich zu rennen. Ira war so erschrocken, dass sie selber aufsprang und in die Richtung, in die der Fuchs verschwunden war, rannte. Doch sie kam nicht weit. Noch war ihre Mutter deutlich schneller als sie und bis Ira aufgesprungen war und wirklich Tempo aufgenommen hatte, hatte ihre Mutter sie schon eingeholt. Sie packte sie an der Schulter und schrie sie an:

 

„Bist du verrückt geworden. Was machst du denn da? Weisst du denn nicht, dass Füchse Tollwut haben?“

 

Ira spürte die Angst und den Zorn ihrer Mutter wie eine Welle über sich herein brechen. Sprachlos starrte sie sie an. Ihre Mutter schüttelte sie:

 

„Sag doch was. Was machst du denn da. Hat er dich gebissen.“

 

Ira schüttelte den Kopf.

 

„Was? Warum schüttelst du den Kopf?“

 

Endlich fand Ira ihre Sprache wieder:

 

„Nein, er hat mich nicht gebissen. Und ausserdem hat Frau Stölker gesagt, es gibt bei uns keine Tollwut mehr.“

 

Ihre Mutter schnaubte verächtlich:

 

„So, Frau Stölker hat das gesagt. Ist ja interessant, was die alles weiss. Darauf kann man sich nicht verlassen. Wir fahren sofort in die Uni-Klinik nach Eppendorf, dort haben sie immer Tollwut-Impfstoff parat.“

 

Damit packte sie Ira und liess sie den ganzen Weg bis zum Auto nicht mehr los. Ira wagte nicht zu fragen, wie ihre Mutter überhaupt in den Wald gekommen war oder warum sie Ira gefolgt war. Dunkel erinnerte sie sich an das Störgefühl, dass sie empfunden hatte, als sie den Schulhof verliess. Plötzlich wurde ihr klar, dass ihre Mutter sie da beobachtet hatte. Nächstes Mal würde sie besser aufpassen!

 

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