Kindheit, 3. Abschnitt

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Ihre Mutter verfrachtete sie auf die Rückbank des Autos, sprang vorne auf den Fahrersitz, verriegelte die Kindersicherung und fuhr mit quietschenden Reifen los. Ira verstand nicht, warum ihre Mutter so panisch war, aber sie spürte die Angst und Verzweiflung ihrer Mutter schmerzend in ihrem eigenen Bauch. Sie wollte ihre Mutter beruhigen und beugte sich nach vorne:

 

„Mutti, es ist wirklich gar nichts passiert. Der Fuchs hat mich nicht gebissen. Er ist mein Freund, er war ja ganz freiwillig bei mir, warum sollte er mich beissen?“

 

Ihre Mutter schnappte hörbar nach Luft und Ira hatte das Gefühl, dass ihre Mutter nun eher noch beunruhigter war als vorher. Ungeduldig drehte ihre Mutter sich kurz um und schnauzte sie an:

 

„Du sei jetzt mal ganz still. Wir reden später darüber. Jetzt fahren wir erst einmal ins Institut und du wirst geimpft.“

 

Ira wollte nicht geimpft werden. Sie spürte, dass das nicht gut für sie wäre. Doch sie wusste auch, dass wenn ihre Mutter in diesem Zustand war, hatte es gar keinen Zweck, mit ihr zu reden.

 

Sie bogen mit quietschenden Reifen vor dem Institut für Tropenmedizin ein. Susan sprang aus dem Wagen, riss die Türe auf, nahm Ira bei der Hand und zog sie aus dem Wagen. Eine junge Frau kam durch die schwere hölzerne Tür des Instituts und rief:

 

„Da können sie nicht parken, der Platz muss für Notfälle frei bleiben.“

 

Doch Susan liess sich nicht beirren:

 

„Dies ist ein Notfall, ein absoluter Notfall!“ rief sie.

 

Sie schloss den Wagen ab und eilte mit Ira im Schlepptau die Stufen hinauf. Die junge Frau schaute ihr irritiert hinterher:

 

„Aber….?“

 

Dann zuckte sie resigniert die Schultern und folgte Susan und Ira. Susan rauschte am Empfang vorbei, die Treppe hinauf, den Gang hinunter und klopfte an eine Zimmertüre im hinteren Teil des langen Flures. Bevor jemand antwortete, öffnete sie die Türe und stürmte in das Zimmer. Ein grosser hagerer Mann, den Ira noch nie gesehen hatte, sass am Schreibtisch und schaute erstaunt auf:

 

„Hallo Susan, was machst du denn hier?“

 

„Guten Tag Heribert. Wir brauchen sofort eine Tollwut-Impfung. Meine Tochter ist von einem Fuchs gebissen worden!“

 

Jetzt riss Ira sich von ihrer Mutter los und stampfte mit dem Fuss auf:

 

„Der Fuchs hat mich nicht gebissen!“

 

Susan schüttelte ungeduldig Kopf:

 

„Wir müssen ganz sicher gehen. Ich will, dass meine Tochter sofort geimpft wird.“

 

Der hagere Mann wandte sich Susan zu:

 

„Susan, nun mal langsam. Was ist denn passiert?“

 

Susan holte tief Luft und rang um Fassung.

 

„Meine Tochter hat im Wald einen Fuchs angefasst. Sie sollte sofort gegen Tollwut geimpft werden, gegen Tetanus ist sie geimpft.“

 

Der hagere Mann runzelte die Stirn und sagte zögernd:

 

„Aber Susan, in welchem Wald war das denn und wann? Hier um Hamburg ist kein Tollwutgebiet. Die letzten Tollwutfälle wurden südlich der Alpen in Italien gemeldet.“

 

Susan sprach jetzt sehr kontrolliert, mit absoluter Ruhe, und der Überlegenheit der Wissenschaftlerin.

 

„Natürlich Heribert, das weiss ich. Aber ich weiss auch, dass vor zwei Wochen ein Strassenhund aus Rumänien in Harburg wegen Tollwut eingeschläfert werden musste und mit ihm drei Nachbarshunde. In solchen Fällen müssen wir einfach auf Nummer sicher gehen.“

 

Ira liess sich durch die kontrollierte Ruhe ihrer Mutter nicht täuschen. Sie spürte ihre Aufregung und Verzweiflung immer noch deutlich in ihrem Körper. Heribert wandte sich nun an Ira, ging in die Knie, so dass er auf gleicher Augenhöhe mit ihr war und fragte sie freundlich:

 

„Wann hast du denn Fuchs angefasst?“

 

Susan schaute auf die Uhr und antwortete:

 

„Vor genau 38 min.“

 

Heribert stand auf, wandte sich zu Susan und sagte in sehr bestimmtem Tonfall:

 

„Susan, so geht das nicht. Du weisst, ich schätze dich als überragende Wissenschaftlerin. Aber jetzt bin ich der behandelnde Arzt und wenn ich deine Tochter untersuchen soll, dann muss ich mit ihr kommunizieren können. Im Übrigen verstehe ich deine Eile nicht, wenn der Kontakt vor knapp 40 min stattgefunden hat, dann haben wir Zeit. Sowohl für Tetanus, wie auch für Tollwut können wir innerhalb des ersten Tages nach der möglichen Übertragung impfen. Ich schlage deswegen vor, wir gehen das ganz in Ruhe an. Warum gehst du nicht und holst Iras Impfpass, damit wir wirklich sicher sein können, dass sie gegen Tetanus geimpft ist?“

 

„Ich weiss mit 100%iger Sicherheit, dass Ira gegen Tetanus geimpft ist. Ich brauche ihren Pass nicht zu holen.“

 

„Susan, du weisst, es ist Vorschrift, dass ich den Pass kontrolliere.“

 

Susans Stimme war ausgesucht freundlich, als sie antwortete:

 

„Heribert, du weisst, dass das nicht stimmt.“

 

Doch Heribert schaute Susan einfach nur an und hielt ihrem Blick solange stand, bis sie unwillig mit den Schultern zuckte, sich umdrehte und sagte:

 

„Gut, dann warte ich eben draussen vor der Türe.“

 

Als Susan die Türe hinter sich geschlossen hatte, drehte sich Heribert wieder zu Ira, lächelte sie an und sagte:

 

„Warum setzt du dich nicht erstmal? Warte ich stelle den Stuhl etwas höher, damit du nicht so tief sitzt.“

 

Er fuhr den Stuhl hoch, hob Ira hinauf und setzte sich selber ihr gegenüber. Dann fragte er sie:

 

„Wie kam es denn dazu, dass du den Fuchs angefasst hast?“

 

Ira beschloss spontan ihm zu vertrauen und erzählte, wie sie die kleinen Füchse entdeckt und wie der kleine weisse Fuchs schliesslich zu ihr gekommen war. Von ihrem Spiel des Fuchs-fühlens erzählte sie nichts.

 

Heribert staunte.

 

„Ein weisser junger Fuchs? Und er ist ganz freiwillig zu dir gekommen?“

 

Ira nickte eifrig.

 

„Er hat sogar an mir geschnuppert und dann wollte ich ihn streicheln.“

 

„Und dann hat er dich gebissen?“

 

„Aber nein, er hat mich doch gar nicht gebissen!“

 

Heribert schaute skeptisch. Dann fragte er sanft:

 

„Darf ich dich untersuchen?“

 

Ira nickte etwas ängstlich.

 

„Dann rufe ich jetzt deine Mutter wieder herein.“

 

Ira schüttelte heftig den Kopf. Heribert stutzte und überlegte einen Moment. Schliesslich ging er zum Telefon, wählte eine Nummer und sagte:

 

„Judith, schick mir doch bitte Isolde in mein Büro.“

 

„…“

 

„Ja, bitte jetzt sofort.“

 

Dann legte er auf und sagte zu Ira:

 

„Isolde ist eine unserer Arzthelferinnen, sie hat auch eine kleine Tochter in deinem Alter.“

 

Ira wusste nicht, was sie mit dieser Information anfangen sollte und sagte nichts. Kurze Zeit später kam Isolde herein. Heribert erklärte ihr kurz die Situation. Isolde bat Ira sich auszuziehen und untersuchte sie dann am ganzen Körper. Schliesslich sagte sie kopfschüttelnd:

 

„Nicht der kleinste Kratzer, geschweige denn eine Bisswunde zu sehen.“

 

Sie half Ira sich wieder anzuziehen und Heribert rief Susan herein.

 

„Susan, deine Tochter sagt, der Fuchs habe sie nicht gebissen und sie hat auch wirklich keine Bissspuren, nicht einmal einen Kratzer am Körper.“

 

Susan sprach mit völliger Ruhe:

 

„Ich bestehe darauf, dass Ira geimpft wird. Wer weiss, wie oft Ira schon Kontakt mit den Füchsen hatte. Und ich habe mich in der Zwischenzeit erkundigt: bei direktem Kontakt mit Füchsen haben die Patienten das Recht auf eine Tollwutimpfung und da ich für Ira verantwortlich bin, bestehe ich darauf.“

 

Ira wandte sich flehentlich an ihre Mutter:

 

„Aber Mutti, das letzte Mal habe ich die Impfung auch so schlecht vertragen. Ich war tagelang krank.“

 

„Erstens war das Tetanus und nicht Tollwut. Zweitens warst du nicht krank, sondern hast ein Drama daraus gemacht und drittens hättest du dir das eben vorher überlegen müssen, bevor du in den Wald gehst und Füchse streichelst.“

 

Isolde machte eine Bewegung auf Ira zu, als wollte sie sie in den Arm nehmen und fragte sie:

 

„Ira hattest du denn schon früher einmal Kontakt zu den Füchsen?“

 

Ira schüttelte den Kopf:

 

„Nein, wirklich nicht.“

 

Heribert schaltete sich ein und sagte:

 

„Und selbst wenn, dann würde eine Impfung jetzt auch nichts mehr nützen.“

 

Und zu Susan sagte er beschwichtigend:

 

„Susan, willst du das nicht vielleicht mit dem Vater besprechen? Wir haben genügend Zeit, du kannst Richard doch anrufen.“

 

Susan richtete sich auf:

 

„Richard ist nicht Iras Vater, ich entscheide das alleine.“

 

Heriberts Augen weiteten sich vor Erstaunen. Einen Augenblick massen sich die Beiden mit den Blicken, dann sagte Susan:

 

„Ich bestehe darauf. Wenn du sie nicht impfst oder impfen lässt, muss ich dich darauf aufmerksam machen, dass du die volle Verantwortung trägst, wenn sie sich doch angesteckt hat.“

 

Heribert zuckte die Schultern und wagte einen letzten Versuch:

 

„Und Iras leiblicher Vater. Frank, hat er auch nichts dazu zu sagen?“

 

Susan schnaubte empört durch die Nase:

 

„Also ich bitte dich, Heribert. Du weisst doch ganz genau, dass Frank das Sorgerecht entzogen und alleine mir übertragen wurde. Aber was machst du denn eigentlich aus einer ganz banalen Impfung eine solche Staatsaffäre. Was soll das denn eigentlich?“

 

Nun schwieg Heribert und nickte Isolde zu, die schweigend ging, um den Impfstoff zu holen. Ira brach das Schweigen im Zimmer mit einem letzten Versuch:

 

„Mama, bitte, ich will nicht geimpft werden. Ich werde bestimmt wieder krank.“

 

Susan antwortete nicht und Heribert schaute betreten aus dem Fenster. Iras Hauptsorge war, dass sie nicht den kleinen Fuchs besuchen könnte, wenn sie krank war und sie verspürte eine unbestimmte Angst, dass der Impfstoff die Verbindung zu dem Tier zerstören könnte. Aber sie wusste, dass niemand ihre Sorge verstehen würde.

 

Als Isolde wieder in das Zimmer kam, rannte Ira los und versuchte durch die Tür zu schlüpfen, doch Susan war schneller und hielt sie auf.

 

„Schluss jetzt. Und hör auf, solch ein Drama zu machen.“

 

Heribert versuchte zu vermitteln. Er ging vor Ira in die Hocke und sagte besänftigend:

 

„Du brauchst wirklich keine Angst vor der Spritze zu haben. Isolde ist die Beste, wenn es darum geht, Spritzen zu setzen, die man kaum spürt. Du wirst nur einen ganz kleinen Einstich spüren, mehr nicht.“

 

Ira wehrte sich nun mit allen Kräften gegen Susan. Sie strampelte, trat und zog mit aller Kraft in Richtung Tür, so dass Susan sie kaum halten konnte. Heribert und Isolde machten keine Anstalten, ihr zu helfen.

 

„Aber ich habe doch gar keine Angst vor der Spritze“, weinte Ira.

 

„Dann müssen wir ihr eben erst ein Beruhigungsmittel geben“, japste Susan etwas ausser Atem. Ira hörte schlagartig auf zu kämpfen und hielt still. Nur dass nicht, nur kein Beruhigungsmittel. Sie fürchtete den dumpfen Zustand, in den sie dann verfiel, der ähnlich einem Traum war, aber sie doch hielt. Dann konnte sie nicht mehr wahrnehmen, was die anderen fühlten, vor allem konnte sie nicht mehr wahrnehmen was Susan fühlte und gleichzeitig breitete sich eine dumpfe Angst in ihr aus. Sie wusste dann nicht mehr, was sie sich einbildete und was Wirklichkeit war.

 

Heribert schüttelte entschieden den Kopf.

 

„Nein wirklich Susan. Ich weiss ihr Biomediziner seit da etwas schneller bei der Hand. Aber ich würde meinem Kind nicht erst Beruhigungsmittel eintrichtern und dann eine Tollwutimpfung.“

 

Susan presste die Lippen aufeinander und antwortete nicht. Stattdessen streckte sie fordernd die Hand aus und Isolde zog schweigend die Spritze mit dem Impfmittel auf und reichte sie Susan.

 

Ira hatte die Augen geschlossen. Sie spürte den Einstich der Spritze an der Schulter. Und dann spürte sie, wie sich eine dunkle Wolke von der Schulter ausgehend in ihrem Körper ausbreitete. Sie versuchte an den weissen Fuchs zu denken, aber je mehr sie sich konzentrierte, desto mehr entglitt ihr das Bild. Plötzlich durchzuckte sie der Gedanke, dass sie ihm einen Namen hätte geben müssen. Ein Name hätte die Verbindung aufrechterhalten.

 

Ein Name….

 

….ein Name……

 

Es fiel ihr kein Name ein. Es war zu spät. Sie hatte den weissen Fuchs für immer verloren. Sie kämpfte gegen die dunkle Wolke an, die sich in ihrem Körper ausbreitete und nun ihr Herz erreicht hatte. Instinktiv versuchte sie, ihr Herz gelb leuchten zu lassen, aber es gelang ihr nicht. Vor lauter Anstrengung und Konzentration atmete sie schneller und schneller. Sie hörte die Stimmen der Erwachsenen wie durch einen Nebel.

 

Susan klang zunächst etwas belustigt:

 

„Ira, nun hör doch auf mit dem Theater. Das ist doch wirklich albern.“

 

„Ira? Ira bist du o.k.?“

 

Das war Isoldes besorgte Stimme. Ira versuchte nach Isolde zu greifen, vielleicht könnte sie ihr helfen. Doch sie konnte schon ihren Arm nicht mehr heben. Ihr Atem ging schnell und keuchend und das letzte was sie hörte, war Heribert besorgte Stimme:

 

„Schnell, Isolde, das Cortison. Das ist kein gespieltes Theater, auch keine Hysterie. Das ist ein allergischer Schock. Keine Ahnung woher sie das gewusst hat. Als zehnjähriges Mädchen weiss man ja wohl nichts von allergischem Schocks, aber hol mich der Teufel, sie hatte recht sich gegen diese Spritze zu wehren.“

 

Susan schnappte nach Luft und hielt sich am Schreibtisch fest. Schuldgefühle und Angst nahmen ihr für einen Moment den Atem. Woher hatte Ira gewusst, dass sie die Impfung nicht vertragen würde? Wie in einem Flash sah sie ihre Mutter vor sich, die sie wissend anlächelte. Ihr schwindelte. Aber sie riss sich zusammen. Jetzt keine Schwäche, sie musste jetzt handeln, Ira war in Gefahr. Sie wirbelte herum, riss das Telefon hoch und wählte die vertraute Nummer. Das war schliesslich Richards Spezialgebiet, er konnte hier helfen.

 

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