Kindheit, 4. Abschnitt

Als Ira aufwachte, sass Richard an ihrem Bett. Er lächelte sie müde an. Ira schaute sich im Zimmer um.

 

„Mama?“ fragte sie.

 

Richard schüttelte den Kopf.

 

„Sie hat sich hingelegt. Sie hat die ganze Nacht hier gesessen, jetzt habe ich sie ins Bett geschickt.“

 

„Ist sie immer noch böse auf mich?“

 

Richard schüttelte wieder lächelnd den Kopf.

 

„Aber nein. Sie hat grosse Angst um dich gehabt.“

 

Ira fühlte wie die Mattigkeit sie wieder zurück ins Dunkel zog.

 

„Sie war so böse auf mich, dass sie mich impfen wollte.“

 

Sie sah nicht mehr Richards erschrockenen Blick, sie war schon wieder in fiebrige Träume zurückgefallen. Sie hörte auch nicht, wie die Tür aufging und ihre Mutter leise ans Bett trat und sich über sie beugte.

 

Richard stand auf und sagte:

 

„Warum schläfst du nicht? Du warst maximal eine Stunde fort.“

 

Er erschrak selbst ein wenig über den Vorwurf in seiner Stimme und ihm wurde plötzlich schmerzhaft bewusst, wie gern er Ira inzwischen hatte. Und so sehr er Susan auch liebte, so sehr sah er immer mehr, wie irrational der Kampf war, den Susan gegen Ira führte und den er nicht verstand.

 

Susan schaute ihn nachdenklich an und liess sich seufzend auf den Stuhl auf der anderen Seite des Bettes nieder und stellte sachlich fest:

 

„Du bist sauer auf mich.“

 

Richard schwieg einen Moment, dann nickte er:

 

„Ich verstehe nicht, warum du Ira hast impfen lassen. Warum du darauf bestanden hast, obwohl Heribert es nicht für nötig hielt. Und vor allem verstehe ich nicht, warum du mich nicht vorher um Rat gefragt hast.“

 

Susan schloss einen Moment die Augen. Sie spürte die Erschöpfung wie eine schwere, niederdrückende Welle über sich herein brechen und schüttelte ratlos den Kopf. Sie verstand es selber nicht. Verstand sich selber nicht. Sie, die sonst immer so rational, so kontrolliert war. Sie, die als ausgeglichene Chefin und Leiterin einer grossen Arbeitsgruppe geachtet wurde, die nichts aus dem Konzept brachte und allen und jedem gerecht gegenübertrat. Sie liess sich wieder und wieder von einem zehnjährigen Mädchen zu völlig irrationalem Handeln verleiten.

 

Richards Stimme klang jetzt regelrecht zornig, als er fortfuhr:

 

„Ira hatte nach der letzten Impfung schon schwere Probleme. Natürlich konntest du nicht wissen, dass sie dieses Mal einen allergischen Schock bekommen würde. Aber es hätte auch schon gereicht, wenn sie wieder hohes Fieber bekommen hätte. Die Tatsache, dass wir absolut nicht erklären können, warum sie auf Impfungen so reagiert, heisst noch lange nicht, dass wir ihre Abwehrreaktionen einfach ignorieren können. Du hast verdammt nochmal mit ihrem Leben gespielt, ist dir das eigentlich klar?“

 

Susan sah ihn aus grossen erschrockenen Augen an und nickte. Sie wusste, Richard hatte Recht. Nun, da sie wieder klar denken konnte, war ihr völlig klar, dass sie aus medizinischer Sicht verantwortungslos gehandelt hatte. Und das bei ihrer eigenen Tochter. Sie schluckte und spürte wie ihr die Tränen in die Augen stiegen. Sie schloss die Augen und verbarg ihr Gesicht in ihren Händen. Doch Richard war immer noch so zornig, dass er nachsetzte:

 

„Ich bin immer für euch da, für dich und Ira. Und so sehr ich dich liebe, ich habe Ira inzwischen auch sehr gerne gewonnen. Ich verlange, dass du mich zukünftig bei allen medizinischen Entscheidungen in Bezug auf Ira mit hinzuziehst. Natürlich bist du die Mutter und rein rechtlich gesehen, habe ich gar nichts zu sagen. Aber ich möchte dieses Versprechen von dir, sonst kann ich nicht mit euch zusammen leben.“

 

Susan sah erstaunt auf. So hatte Richard noch nie mit ihr gesprochen. Und er war noch nicht zu Ende:

 

„Ich weiss nicht, was in solchen Momenten in dir vorgeht. Ich weiss nur, dass du, wenn es um Ira geht, völlig irrational wirst. Meine geliebte, rationale Wissenschaftlerin wird plötzlich unkontrollierbar emotional. Und das wäre noch nicht schlimm, aber du entscheidest auch unkontrollierbar emotional. Ich habe das Gefühl, du wolltest irgendetwas in Ira wegspritzen. Du wolltest sie gar nicht gegen Tollwut impfen, du wolltest irgendetwas in Ira abtöten, nur leider hättest du sie damit fast umgebracht.“

 

Richard merkte, wie die Wut ihn zu überschwemmen drohte. Er hatte noch nie so zornig mit Susan gesprochen. Er drehte sich zum Fenster und sah in die Morgendämmerung hinaus. Die Sonne stieg gerade über die gegenüberliegenden Hügel und die ersten Sonnenstrahlen fielen durch das dichte Blätterdach der Parkbäume im Garten der Klinik. Die Schönheit dieses Momentes besänftigte ihn und er drehte sich um und ging zu Susan. Sie sass still neben dem Bett und Tränen liefen ihr die Wangen hinunter. Er strich ihr über das Haar und sie lehnte sich gegen ihn.

 

„Du hast recht“, sagte sie leise.

 

„Dann versprich es mir. Versprich mir, dass du mich in Zukunft zu Rate ziehst, wenn es um medizinische Entscheidungen geht.“

 

Susan zögerte trotz allem. Sie spürte wie die alte Panik, die Kontrolle zu verlieren, in ihr hoch stieg:

 

„Aber ….“ Setzte sie an

 

„Versprich es mir!“

 

„Aber du weisst nicht, wie meine Mutter war. Du hast doch keine Ahnung! Du hast es nie erlebt, wenn sie ausser Kontrolle geriet.“

 

„Aber Susan! Was hat das hier bitte schön mit deiner Mutter zu tun? Deine Mutter war krank. Und natürlich konntest du sie nicht kontrollieren, du warst ein Kind. Und natürlich konntest du später nicht verhindern, dass sie an Krebs gestorben ist. Aber nur weil deine Mutter sich geweigert hat, sich medizinisch behandeln zu lassen, kannst du doch Ira nicht völlig unkontrollierbar Medikamente verabreichen.“

 

Susan schwieg. Sie wusste Richard hatte Recht. Aber sie wusste auch, dass ihre Angst um Ira sehr wohl etwas mit ihrer Mutter zu tun hatte. Einen Moment hatte sie die Szene des fliegenden Rosenquarzes vor Augen, doch sie drückte diese Szene sofort weg und gab sich einen Ruck. Natürlich, Richard hatte Recht und sie musste rational handeln. Sie seufzte tief und nickte. Doch damit gab er sich nicht zufrieden.

 

„Versprich es mir.“

 

Susan atmete tief ein.

 

„Was soll Mama Dir versprechen?“

 

Ira war aufgewacht und  sah sie fragend an. Susan war insgeheim erleichtert, beugte sich vor und strich Ira zärtlich über den Kopf:

 

„Nichts, mein Liebling, gar nichts.“

 

Doch sie hatte nicht mit Richards Entschlossenheit gerechnet.

 

„Doch, Susan, sehr wohl.“

 

Und dann wandte er sich an Ira:

 

„Ich möchte, dass deine Mutter mir verspricht, dass sie mich in Zukunft um Rat fragt, bevor du medizinisch behandelt wirst.“

 

Den letzten Satz hatte er zu Susan gewandt gesprochen und Susan verstand, dass er es sehr ernst meinte. Es ärgerte sie, dass er das Thema vor Ira ausgesprochen hatte. Aber nun schauten beide sie erwartungsvoll an. Es lag eine gespannte Stille im Raum, bis Susan schliesslich leise sagte:

 

„Ich verspreche es.“

 

Richard beugte sich vor und gab ihr dankbar einen Kuss. Doch es war Iras erleichterter Blick, der Susan das Gefühl einer Niederlage gab.

 

 

 

Es dauerte über eine Woche bis Ira sich soweit erholt hatte, dass sie wieder zur Schule gehen konnte. Ihre Freundin Sarah besuchte sie täglich und sie machten zusammen die Hausaufgaben, die Sarah mitbrachte. Ira wartete ungeduldig darauf, wieder in die Schule gehen zu dürfen. Obwohl sie sich darüber im Klaren war, dass sie sehr vorsichtig sein musste, hatte sie nichts anderes im Kopf, als den weissen Fuchs noch einmal zu sehen.

 

Als sie endlich wieder gesund genug war, um wieder in die Schule zu gehen, war sie während des ganzen Vormittags so ungeduldig, dass sie sich kaum konzentrieren konnte. Doch als sie aus mittags aus der Schultüre trat und über den Schulhof blickte, wartete ihre Mutter auf sie und fuhr sie im Auto heim. Auch an den folgenden Tagen kam entweder ihre Mutter oder Anna und holten sie nach der Schule ab.

 

Als ihre Mutter sie nach über drei Wochen zum ersten Mal wieder nach Erlengrund fuhr, war ihre Mutter sehr schweigsam. Als sie auf dem Hof vorfuhren, sagte Susan zögerlich:

 

„Ira, ich weiss nicht…. Als du krank warst, habe ich mit Fischbeck telefoniert und ihm abgesagt. Er war sehr kurz angebunden, irgendetwas war seltsam. Und nun habe ich ihn heute Morgen versucht auf dem Handy anzurufen, um zu sagen, dass wir heute kommen würden, aber er hat nicht abgenommen.“

 

Ira spürte ein angstvolles, beklemmendes Gefühl in ihrem Unterleib aufsteigen, bis es ihr schliesslich in die Kehle stieg und sie wie eine böse Vorahnung würgte. Als sie aus dem Auto stieg, war der Hof eigenartig leer. Ira stieg aus und lief los. Tassos Box war leer. Auch auf dem Paddock war er nicht. Weder Fischbeck noch seine Pferde waren zu sehen. Als Ira alles abgesucht hatte, ging sie langsam zurück zum Hof und sah dort ihre Mutter mit Weissert, dem Gestütsbesitzer stehen. Sie blieb stehen. Sie wollte es nicht hören. Sie wusste es auch so. Tasso  war fort, er war verkauft. Aber solange es nicht ausgesprochen war, war es vielleicht nicht wahr. So stand sie in einiger Entfernung und hörte dann doch noch wie Weissert zu ihrer Mutter sagte:

 

„Wir konnten Fischbeck nicht halten. Er war hauptsächlich von Möller angestellt, wir haben ihm nur einen kleinen Zuschlag gezahlt. Einen Bereiter von solcher Klasse können wir uns nicht leisten. Er ist noch am selben Tag mit seinen Pferden wieder nach Stuttgart zurück. Aber er hat einen Brief für ihre Tochter hinterlassen. Warten Sie doch bitte einen Moment, ich hole ihn.“

 

Ira wusste später nicht mehr, wie sie nach Hause gekommen war. Ihre Mutter hatte sie in das Auto gesetzt und sie nach Hause gebracht. Sie fühlte eine so tiefe Verzweiflung, dass sie auch kaum zuhörte, als ihre Mutter ihr Fischbecks Brief vorlas. Irgendetwas hörte sie, dass Möller Tasso verkauft habe, und er wieder zurück nach Stuttgart auf seinen eigenen Hof gegangen sei. Er schrieb etwas von ihrer Begabung mit Pferden, sie solle weiter gehen auf ihrem Weg mit Pferden, sie solle ihn besuchen kommen in Stuttgart. Und seine Adresse hatte er hinterlassen. Wo Tasso nun war, schrieb er nicht.

 

Nachts träumte Ira vom weissen Fuchs, der Tasso  auf der Koppel besuchte. Iras Herz machte vor Freude einen Satz. Sie lief los, um die Beiden zu erreichen. Aber je mehr sie rannte, desto grösser wurde die Entfernung zwischen ihr und der Waldlichtung, auf dem Fuchs und Pferd standen. Nebel umgab sie und war schliesslich eine dicke Wand, der ihr den Atem nahm und durch den sie sich kaum hindurch kämpfen konnte. Als sie endlich die Waldlichtung erreicht hatte, waren Fuchs und Pferd im Nebel verschwunden. Sie wachte voll verzweifelter Trauer mit tränennassem Gesicht auf.

 

Ira wurde von Tag zu Tag nervöser. Die Nachmittage am Stall fehlten ihr und sie machte sich Sorgen, dass der weisse Fuchs sie nicht mehr erkennen würde, oder gar nicht mehr da sei, wenn sie zu lange ausblieb. In dem Fuchsfilm war gesagt worden, dass die jungen Füchse irgendwann das Revier verlassen mussten und sich ein neues Zuhause suchen würden. Nachts träumte Ira immer wieder, dass der weisse Fuchs von ihr weg lief und sie versuchte verzweifelt hinterher zu laufen, konnte sich aber nicht bewegen. Mehrmals wachte sie schreiend auf, weil der Fuchs im Nebel verschwand und sie ihn nicht erreichen konnte. Dann standen entweder Richard oder Susan über sie gebeugt und versuchten sie zu beruhigen und zu trösten. Wieder und wieder träumte sie, dass der weisse Fuchs Tasso auf der Koppel besuchte. Im Traum rannte sie los, versuchte die beiden zu erreichen, aber dichter Nebel legte sich jedes Mal um sie, hinderte sie am Weiterlaufen und schliesslich verschwanden Fuchs und Pferd schemenhaft im Nebel.

 

In der Schule war sie zunehmend unkonzentriert und zappelig und auch wenn die meisten Lehrerinnen sie sehr mochten, wurden sie doch irgendwann ungeduldig und straften sie. Das wiederum machte Ira zornig und je unkonzentrierter sie war, desto schlechter konnte sie ihren Zorn kontrollieren oder auf unauffällige Objekte lenken. So riss sie einmal der Lehrerin mit ihren zornigen Blicken die Kreide aus der Hand, ein anderes Mal flog der nasse Schwamm von der Ablage der Tafel und landetet klatschend auf den Füssen der Lehrerin. Die Lehrerin war jedes Mal irritiert, die Klasse merkte, dass etwas Ungewöhnliches vorging und verhielt sich eigenartig still. Ira, jedes Mal sehr erschrocken, nahm sich danach sehr zusammen, so dass die Lehrerin meist wieder besänftigt war.

 

Schliesslich hatte Ira die Idee, in der grossen Pause schnell in den Wald zu laufen, um nach dem Fuchs zu sehen. Sie sprang beim Pausenzeichen sofort auf und flitzte los. Sie liess jede Vorsicht ausser Acht und kümmerte sich nicht, ob die Lehrerin, die gerade Pausenaufsicht hatte, sah, dass sie verbotenerweise das Schulgelände während der Pause verliess. Völlig ausser Atem kam sie in der kleinen Lichtung an. Sie hatte nur wenige Minuten Zeit und natürlich reichte das nicht, um wirklich zur Ruhe zu kommen und das Fuchs-Gefühl in sich aufsteigen zu lassen. Und obwohl sie den ganzen Weg zurück rannte, kam sie ein paar Minuten zu spät in den Unterricht.

 

Ira versuchte nun mehrere Tage hintereinander, in der grossen Pause in den Wald zu laufen. Doch die Zeit reichte nicht wirklich. Einmal wurde sie auf dem Hof schon von der Pausenaufsicht abgefangen, die sie fragte, wo sie denn schon wieder hin wolle. Zweimal kam sie zu spät in den Unterricht, ohne den Fuchs gesehen zu haben. Und einmal regnete es so heftig, dass sie nicht wagte loszulaufen. Es war ihr gleichgültig, wenn sie nass würde, aber natürlich wäre es sehr auffällig, wenn sie klitsch nass aus der Pause kam.

 

 

 

Am Freitag rief Frau Stölker Ira nach dem Unterricht zu sich.

 

„Ira, was geht hier vor? Wo rennst du in den Pausen immer hin?“

 

Ira mochte Frau Stölker sehr. Aber sie konnte ihr unmöglich sagen, dass sie in den Wald lief, um einen jungen Fuchs zu sehen. So schaute sie nur schweigend vor sich auf den Boden.

 

„Ira, irgendetwas stimmt doch nicht mit dir. Entweder du bist völlig unruhig und zappelig, oder du träumst vor dich hin. Du warst doch eine meiner besten Schülerinnen. Magst du mir nicht sagen, was dich beschäftigt?“

 

Ira schüttelte nur den Kopf und sagte leise:

 

„Das geht nicht.“

 

Frau Stölker seufzte und sagte:

 

„Es tut mir wirklich leid, Ira, aber dann muss ich mit deiner Mutter reden. Ich kann nicht einfach so tun, als würde ich nicht bemerken, dass mit dir irgendetwas nicht stimmt in den letzten Wochen.“

 

Als Ira zu Sarah auf den Schulhof ging, fühlte sie sich völlig verzweifelt. Sie wusste nicht, was sie tun konnte und Sarah verstand nicht, was an dem Fuchs so wichtig sei. Sie zuckte nur die Schultern und sagte:

 

„Aber dann geh doch am Samstag mit uns in den Zoo. Im Streichelzoo haben sie zwar keine Füchse, aber Kaninchen, Schafe, Ziegen und sogar ein zahmes Reh!“

 

Ira drehte sich um und ging wieder in das Klassenzimmer. Dort sass sie, bis der Unterreicht wieder begann.

 

 

 

Susan war wie immer nervös, wenn sie zur Sprechstunde in die Schule gerufen wurde. Sie war dankbar, dass Richard mitkam. Als sie auf dem Parkplatz der Schule vorfuhren, blieb sie einen Moment still im Auto sitzen und betrachtete das grosse Backsteingebäude, das jetzt am Nachmittag leer und verlassen dalag. Richard legte ihr eine Hand auf die Schulter und sagte aufmunternd:

 

„Ach Susan, das ist doch nicht so schlimm. Es ist doch ganz normal, dass Kinder mal Probleme in der Schule haben, oder dass die Lehrer meinen, sie hätten Probleme.“

 

Susan nickte ihm dankbar zu, aber sie blieben beide noch einen Moment im Wagen sitzen, denn sie wussten, dass es nicht so war. Die Veränderung an Ira war so offensichtlich, und es schien auch ganz deutlich, dass irgendetwas geschehen musste.

 

Das Gespräch mit Frau Stölker war kurz. Nach einer freundlichen Begrüssung, kam sie direkt zur Sache:

 

„Ich mache mir wirklich Sorgen um Ira. Sie ist die grösste Zeit des Unterrichts sehr rastlos und unruhig. Oder sie scheint weit weg und träumt vor sich hin. Konzentrieren kann sie sich eigentlich gar nicht mehr.“

 

Während Susan sich eher abwehrend zurückgelehnt hatte, hatte Richard sich leicht vorgebeugt und hörte sehr konzentriert zu. Nachdem Frau Stölker aufgehört hatte zu sprechen, sagte er zögernd:

 

„Nun, das klingt ja fast nach einer ADHS-Diagnose.“

 

Susan fuhr herum und schaute ihn zunächst aufgebracht und etwas fassungslos an. Doch dann wandelte sich plötzlich ihr Gesichtsausdruck und ganz langsam veränderten sich ihre angespannten Gesichtszüge, als sich vorsichtige Erleichterung in ihr ausbreitete.

 

„Ja…“ sagte sie und stoppte. Dann setzte sie erneut an:

 

„Ja, das wäre eine Erklärung….“

 

Einen Moment war Stille, die Frau Stölker unterbrach:

 

„Aber nein, ich wollte wirklich nicht andeuten, dass Ira ADHS hat. Erstens bin ich keine Ärztin und zweitens glaube ich…“

 

Doch Susan unterbrach sie nun ungeduldig:

 

„Doch, doch…. Sie haben ja völlig Recht. Das wir das nicht schon lange gesehen haben… das erklärt so vieles…“

 

Richard nickte dazu nachdenklich, doch Frau Stölker wehrte nun leicht verzweifelt ab:

 

„Aber glauben sie nicht, dass das etwas voreilig… Ich meine wir sollten hier doch nicht übereilt eine Diagnose stellen. Dazu müssten wir wirklich einen Spezialisten befragen.“

 

Richard lehnte sich beruhigend vor:

 

„Aber natürlich fragen wir einen Spezialisten. Wir sind ja schliesslich beide Ärzte. Und wir kennen einen hervorragenden Arzt auf diesem Gebiet. Es ist einer unserer Kollegen und wir werden ihm Ira gleich nächste Woche vorstellen. Machen Sie sich keine Sorgen, wir treffen keine übereilten Entscheidungen. Wir haben selber ja auch schon gemerkt, dass etwas nicht stimmt. Vielen Dank, dass Sie uns darauf aufmerksam gemacht haben. Diese schleichenden Veränderungen im Alltag, die werden einem dann doch nicht so bewusst. Oder vielmehr kann man sie einfach viel leichter verdrängen.“

 

Er wandte sich an Susan, nahm ihre Hand und lächelte sie an:

 

„Ja, das wäre wirklich eine Erklärung für sehr vieles. Ich rufe noch heute Thomas an.“

 

Als sie gingen, stand Frau Stölker am Fenster und schaute ihnen nach. Sie konnte sich des Gefühls nicht erwehren, Ira verraten zu haben. Sie wusste, dass war völlig irrational, aber sie konnte es nicht abschütteln und sie wurde es auch nicht los, als sie nach wenigen Wochen eine veränderte, konzentrierte, geduldige Ira im Unterricht beobachtete, die zunehmende gute und schliesslich sogar hervorragende Leistungen zeigte.

 

 

 

Das Gespräch mit Thomas Tanner war kurz. Er hörte sich Susan und Richards Bericht an, sprach ein paar kurze, belanglose Worte mit Ira und hatte dann auf Richards Empfehlung hin schon das Rezept ausgefüllt. Ira war zunächst sehr misstrauisch, das Ritalin zu nehmen. Aber nachdem Richard ihr versichert hatte, dass es auf gar keinen Fall die gleichen Auswirkungen wie die Impfstoffe haben würde, gab sie nach. Vor allem nachdem Susan ihr ausmalte, wie gut es für alle wäre, wenn es ihr wieder besser ginge und sie, Susan, sich so viel sicherer fühlen würde, wenn Ira alleine unterwegs wäre. Das würde sie selber entlasten und Ira würde sich wieder freier fühlen.

 

Ira fühlte sich inzwischen so entmutigt und so ruhelos, dass sie den überzeugenden Worten von Richard und Susan gerne glauben wollte. Auch hörte sie natürlich das Versprechen heraus, dass sie wieder alleine von der Schule nach Hause gehen könne und sie hoffte, den Fuchs vielleicht doch noch wieder zu sehen. Am nächsten Tag sprach sie Frau Stölker an und fragte sie um Rat. Frau Stölker sah sie aber nur hilflos und schuldbewusst an und murmelte irgendetwas nur Halbverständliches. Ira verstand nur, dass ihre Eltern hier natürlich das Recht hatten zu entscheiden.

 

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