Kindheit, 5. Abschnitt

So begann Ira, Ritalin zu nehmen. Thomas Tanner hatte einen genauen Plan aufgestellt, nachdem Ira die ersten Wochen nur morgens Ritalin nahm, um Schlafstörungen zu vermeiden. Ira fühlte wirklich fast sofort eine recht angenehme innerliche Ruhe und konnte sich jetzt im Unterricht und selbst beim Sport besser konzentrieren. Ihre Leistungen stiegen sprunghaft an. Schon nach wenigen Tagen schlug ihr ihre Mutter vor, doch nach der Schule wieder alleine nach Hause zu gehen. Ira war es eigentlich gar nicht mehr so wichtig, aber sie stimmte sofort zu. Sie ging auch tatsächlich mehrmals durch den Wald nach Hause, allerdings fand sie nun das „wie-der-Fuchs-fühlen“-Spiel doch recht kindisch. Sie konnte selber überhaupt nicht mehr nachvollziehen, warum ihr das so wichtig gewesen war. Jetzt mit den Tabletten fühlte sie sich auch so ruhig. Sie schaute sich zwar aufmerksam nach den Füchsen um, doch sie sah sie nie. Sie merkte schliesslich selber, dass es ihr gar nicht gut ging, wenn sie durch den Wald ging. Sie war oft unerklärlich traurig an diesen Nachmittagen. Auch Richard und Susan bemerkten ihre Traurigkeit und Richard erklärte ihr, dass in den ersten Monaten der Medikamenteneinnahme ab und zu Depressionen auftreten könnten. Das würde aber sicher bald verschwinden. Doch Ira wusste, dass es schlimmer war, wenn sie durch den Wald nach Hause ging und so liess sie es bald bleiben. In ihrer Klasse war es inzwischen immer wichtiger geworden, sich modisch und vor allem sehr weiblich zu kleiden. Und so fand auch sie es jetzt störend, wenn sie ihre neuen Schuhe oder Jeans im Wald schmutzig machte. Zwar ging sie ein paar Wochen lang wenigstens einmal pro Woche durch den Wald nach Hause, und jedes Mal schaute sie nach dem Fuchs. Aber sie sah ihn nie. Vielleicht lebte er ja gar nicht mehr. Im Grunde war es ihr auch gleichgültig.

 

Die Sommerferien nahten und bei einem der gemeinsamen Mittagessen, die Susan so sehr liebte, fragte sie Ira, wo sie gerne Urlaub machen würde. Ira zuckte die Schultern. Sie fühlte eine grosse Gleichgültigkeit. Mit kurzem heftigem Schmerz dachte sie daran, wie sie sich letztes Jahr gewehrt hatte, überhaupt in den Urlaub zu fahren, weil die Vorstellung drei Wochen die Pferde und vor allem Tasso nicht sehen zu können, ihr undenkbar erschienen waren. Doch dann war der Schmerz schon vorbei, sie spürte noch eine unbestimmte, diffuse Angst und vor allem Gleichgültigkeit. Susan hatte mit ihrem feinen Gespür bemerkt, dass irgendetwas vorging und fragte sie besorgt:

 

„Was ist, Ira, was ist los? Machst du dir über irgendetwas Sorgen?“

 

Ira schüttelte den Kopf.

 

„Nein, nein, ganz sicher nicht. Wirklich, ich fahre gerne mit euch in den Urlaub. Ich habe nur keine Idee, wohin. Was habt ihr denn überlegt?“

 

Susan begann eifrig zu erzählen. Ira schaute sie mit geübter Aufmerksamkeit an, aber eigentlich war es ihr egal und sie hörte nicht wirklich zu. Susan hatte nun vom Bodensee und Allgäu und Schwarzwald erzählt. Und nun schloss sie begeistert:

 

„Und ich habe mit Fischbeck telefoniert. Wir könnten auf der Hinfahrt dort übernachten, oder auch ein paar Tage bleiben. Sie haben eine Ferienwohnung. Du könntest Maggie reiten, und Urbino und Belladonna wieder sehen. Wäre das nicht schön?“

 

Ira schaute sie mit erstaunten Augen an. Dann nickte sie langsam. Sie spürte tatsächlich ein leichtes Glücksgefühl.

 

„Ja. Danke, Mama. Ja, das wäre wirklich sehr schön.“

 

Susan stand auf und umarmte sie glücklich.

 

„Ich möchte doch nur, dass es dir gut geht. Wenn ich irgendetwas für dich tun kann, sag es mir doch bitte, ja? Versprichst du es mir?“

 

Ira schluckte. Ihr ging durch den Kopf, dass sie den weissen Fuchs wieder sehen wollte, und sie wollte neben Tasso stehen und mit ihm in grenzenloser Weite versinken. Aber als sie Susans glückliches Gesicht vor sich sah, sagte sie das alles nicht. Sie nickte nur erneut und lächelte ihre Mutter an:

 

„Mir geht es gut, Mama. Es wird sehr schön sein, nach Stuttgart zu fahren und die Pferde wieder zu sehen.“

 

Am ersten Tag der Sommerferien packten sie alle zusammen das Auto. Ira hatte ihre Reitsachen aus den Tiefen ihres Schrankes hervorgekramt und festgestellt, dass sie aus der Reithose längst herausgewachsen war.

 

„Ach das macht doch nichts!“ rief Susan. „Wir fahren einfach nachher noch schnell beim Reitsport Peter vorbei. Ich bin dort sowieso immer so gerne, das ist doch ein toller Urlaubsanfang.“

 

Die Reithose und ein paar feste, aber bequeme Stallschuhe waren schnell gekauft. Dann ging es ab auf die Autobahn. Ira schlief fast die ganze Fahrt. Selbst bei den Pausen blieb sie zum Teil im Auto sitzen und döste vor sich hin. Richard war etwas besorgt, dass sie so erschöpft war, aber Susan wollte nichts davon wissen.

 

Sie kamen abends bei Fischbeck an. Der Hof war deutlich kleiner als Erlengrund. Der vertraute Pferdegeruch begrüsste sie und Ira warf einen sehnsüchtigen Blick in Richtung Stall. Fischbeck gab ihr die Hand wie einer Erwachsenen, drückte sie fest und sagte:

 

„Wie schön dich zu sehen Ira, lauf doch in den Stall, ich muss gleich noch füttern. Ich zeige deinen Eltern schnell die Ferienwohnung, dann komme ich hinterher.“

 

Ira zögerte, dann nickte sie und ging langsam in Richtung Stall.

 

Im Halbdunkel des Stalls hüllte sie der vertraute Geruch nach Pferden und Heu ein, und sie ging langsam an den Boxen entlang, in denen vier ihr unbekannte junge Pferde standen, bis sie eine grosse Doppelbox mit Urbino und Belladonna entdeckte. Sie öffnete vorsichtig die Boxentüre und die Beiden schauten ihr aufmerksam entgegen. Urbino kam zu ihr und schnupperte, ob es nicht vielleicht zufällig ein Leckerli gab. Belladonna hatte schnell das Interesse verloren und schaute auf den Hof, ob nicht endlich jemand mit dem Futter kam. Ira lehnte ihre Stirn leicht gegen den warmen Hals von Urbino. Urbino stand freundlich und geduldig und liess sich ihre Liebkosungen gefallen. Ira ging weiter und suchte Maggie, die sie im hinteren Teil des Stalles fand. Alle Boxen waren gross und hell mit einer eigenen Türe nach draussen auf ein Paddock. Zudem hatten die meisten Pferde Schlamm im Fell, sie waren offensichtlich heute auf der Koppel gewesen.

 

Als Ira neben Maggie stand, spürte sie ein ganz leichtes, warmes Gefühl im Unterleib. Kurz dachte sie daran, wie sie neben Tasso gestanden hatte, oder sogar, wie es war, wie-der-Fuchs-zu-fühlen. Aber schnell drängte sie diese Gedanken fort, das waren Kindereien, dafür war sie nun eindeutig zu alt. Sie klopfte Maggie freundlich den Hals und dann kam auch schon Fischbeck und sie half ihm, Heu zu verteilen.

 

Die nächsten zwei Tage vergingen wie im Fluge. Ira half jeweils beim Füttern und hatte wie selbstverständlich ihr altes Programm übernommen. Zuerst holte sie Maggie, putzte, longierte sie und wenn Fischbeck Zeit hatte, gab er ihr eine Reitstunde. Dann kümmerte Ira sich um Urbino und Belladonna und falls es sich ergab, schaute sie Fischbeck anschliessend dabei zu, wie er die jungen Pferde trainierte.

 

Ira hatte das Gefühl, dass sie hier bei den Pferden so lebendig war, wie sonst nirgendwo. Auch Richard und Susan bemerkten das. Richard besprach mit Fischbeck, ob Ira nicht noch zwei Wochen bleiben könne, während er und Susan weiterfuhren in den Urlaub. Fischbeck war von der Idee begeistert, er konnte gut die Hilfe auf dem Hof gebrauchen. Susan war zunächst sehr enttäuscht, den Urlaub ohne Ira zu verbringen, doch stimmte dann um Iras Willen zu. Ira freute sich sehr und dankte Richard und Susan so überschwänglich, dass beide sich hinterher fragten, ob Ira eigentlich gar keine Lust gehabt hatte, mit ihnen in den Urlaub zu fahren.

 

Iras Tage waren von morgens bis abends ausgefüllt. Sie lernte schnell und Fischbeck war hoch zufrieden mit ihr, aber die frühere Intensität und enge, mystische Verbindung zu den Pferden war nicht mehr da. Fischbeck hatte das auch bemerkt und als sie einmal nebeneinander die Pferde putzten, sagte er wie zu sich selbst:

 

„Kinder scheinen eben doch ein ganz besonderes Verhältnis zu Pferden zu haben, du wirst jetzt einfach erwachsen, da geht das verloren.“

 

Ohne zu zögern oder zu überlegen antwortet Ira:

 

„Das liegt nicht am Erwachsenwerden, das liegt am Ritalin.“

 

Sie war über ihre Antwort genauso erschrocken wie Fischbeck. Schnell konzentrierten sie sich beide schweigend weiter auf ihre Pferde und vermieden es, sich anzuschauen.

Als Richard und Susan Ira nach zwei Wochen abholten, fanden sie eine braungebrannte, gut erholte Ira vor, die ihnen fröhlich von ihren Erlebnissen mit den Pferden erzählte. Schnell war man sich einig, dass Ira in den nächsten Ferien wieder kommen durfte. Fischbeck beteuerte, dass sie ihm eine grosse Hilfe sei, und dass er dafür gerne Kost, Logie und Reitstunden stelle.

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