Jugend, 6. Abschnitt

Wie an so vielen Nachmittagen in diesen Jahren schlenderte Ira ziellos durch die Stadt. Wie immer hatte sie ihre Hausaufgaben schnell und effizient aber ohne Interesse erledigt. In Wahrheit war es ihr gleichgültig, was sie tat. Wenn man ihr sagte, sie solle ihre Hausaufgaben machen, machte sie eben ihre Hausaufgaben. Wenn niemand es erwarten würde, würde sie sie wahrscheinlich wohl nicht machen. Das Gymnasium fiel ihr leicht und wie mühelos absolvierte sie in der 5. und 6. Klasse die Beobachtungsstufe und auch der Übergang zur Mittelstufe des Gymnasiums gelang ohne grössere Anstrengungen. Ira lebte gleichmässig und effizient vor sich hin. Wenn sie zu Hause ankam, ass sie ihr Mittagessen. Manchmal konnte sie am Abend schon nicht mehr sagen, ob Anna oder ob Susan es gekocht hatte. Nur wenn Richard mittags da war, war es besonders. Dann bemühte sie sich, ein Interesse vorzuheucheln, dass sie nicht spürte, nur um seine besorgte Miene etwas aufzuheitern. Wenn Susan mittags zu Hause war, bemühte sie sich sehr um Ira. Sie kochte, was Ira früher immer am liebsten gegessen hatte, war lieb, manchmal sogar zärtlich um sie besorgt. Susan genoss diese ruhigen Mittagspausen mit Ira, in denen sie sich nicht wie früher Sorgen machen musste und in denen Ira immer entspannt und zufrieden schien.

 

Auch an diesem Nachmittag konnte Ira schon nicht mehr sagen, wer heute Mittag eigentlich zu Hause gewesen war und für sie mittags gekocht hatte. Es war ja eigentlich auch nicht wichtig. Ihr Tag lief immer gleich ab, geordnet und geregelt. Nach dem Mittagessen legte sie sich eine halbe Stunde hin. Dann machte sie ihre Hausaufgaben und so gegen vier oder fünf Uhr hatte sie entweder eine ihre Sport- oder Reitstunden oder sie traf ihre Freundin Sarah und sie gingen in die Stadt. Je nachdem wer mittags dagewesen war, hatte sie mehr oder weniger Geld in der Tasche. Aber auch das interessierte sie nicht wirklich, denn meistens kaufte sie sowieso nichts.

 

An diesem Nachmittag war es anders. Sarah hatte ganz kurzfristig abgesagt und so schlenderte Ira ziellos durch Ottensen. Normalerweise hingen sie immer irgendwo in Altona herum, doch heute schlenderte Ira die Hauptstrasse in Ottensen entlang und bog in kleinere Seitenstrassen ab, bis sie in der Erzbergerstrasse landete. Um dem einsetzenden leisen Nieselregen zu entfliehen, betrat sie die spirituelle Buchhandlung, die für sie den etwas seltsamen Namen „Weisser Onyx“ trug. Sie tauchte ganz plötzlich in einen lichten, duftenden Raum, in dem neben den Büchern wunderliche und für sie völlig fremde Exponate zu finden waren. Später lernte sie, dass hier Klangschalen neben Trommeln, Heilsteinen und Räucherschalen standen. Von den Decken hingen Traumfänger, Klangspiele und jede Menge Federn. Die Wände waren von Regalen eingenommen, von denen ein Teil mit Büchern, ein anderer Teil mit Kerzen, Räucherstäbchen, Duftölen und Schmuck ausstaffiert waren. In dem Raum herrschte eine so angenehme Stille, dass Ira einen Moment stehen blieb, die Augen schloss und der Stille lauschte. Sie ging langsam weiter, genoss den Duft, der durch den Raum zog und blieb schliesslich vor einem Ständer mit wunderschönen Schals stehen. Vorsichtig streckte sie die Hand aus und liess die seidenweichen Tücher durch ihre Hand gleiten. Plötzlich merkte sie, dass sie beobachtet wurde. Sie versuchte, ohne sich umzuschauen zu spüren, von wo die Aufmerksamkeit kam, aber wie so oft in den letzten Jahren, fühlte sie sich wie in dumpfe Watte gehüllt. Das bekannte Gefühl der Müdigkeit ergriff sie und sie beschloss, dass es der Anstrengung nicht wert war. Es war doch eigentlich egal, ob und wer sie beobachtete. Sie tat ja nichts Verbotenes.

 

„Gibst du immer so schnell auf.“

 

Die erstaunlich tiefe Stimme war die Stimme einer Frau. Und es war keine Frage, die sie stellte, sondern eine Feststellung. Ira drehte sich in die Richtung, aus der sie die Stimme gehört hatte und sah eine Frau mittleren Alters mit rot gefärbten Haaren hinter der Ladentheke sitzen. Die Frau sah sie nicht an, sondern schien eher an ihr vorbei zu schauen oder vielleicht auch durch sie hindurch. Ira wurde neugierig und ging langsam auf die Frau zu.

 

„Warum sollte ich mich anstrengen?“ fragte sie in gelangweiltem Ton.

 

Die Frau schien weiter an ihr vorbeizuschauen. Einen Moment zog ein ungläubiges Erstaunen über ihr Gesicht, fast als würde sie sie wiedererkennen. Doch nachdem sie Ira noch eine Weile schweigend gemustert hatte, sagte sie:

 

„Die Pillen, die du nimmst, tun dir nicht gut. Mehr als das, sie machen dich kaputt. Sie zerstören alle deine Fähigkeiten.“

 

Ira wunderte sich, woher sie wusste, dass sie Tabletten nahm, zuckte aber gleichgültig die Schultern:

 

„In der Schule habe ich bessere Noten als vorher. Auch beim Sport zeige ich bessere Leistungen.“

 

Jetzt schaute die Frau sie direkt an. Und wieder schien es Ira, als drängen ihre Blicke durch sie hindurch.

 

„Das meine ich nicht. Ich meine deine Fähigkeiten, mit Tieren zu kommunizieren, die Gefühle andere Menschen wahrzunehmen, Dinge zu bewegen.“

 

Ira schloss einen Moment die Augen. Plötzlich stand der kleine weisse Fuchs vor ihrem inneren Auge. Was wohl aus ihm geworden war? Wie alt wurden Füchse? Ob er überhaupt noch lebte? Ihr wurde schwindelig und sie setzte sich schnell auf den Stuhl, der neben der Ladentheke stand. Ihr fiel der kleine Rosenquarz ein, den sie früher durch das Zimmer hatte fliegen lassen. Und dann bemerkte sie zu ihrem Entsetzen, dass ihr Tränen die Wangen hinter liefen. Sie wischte die Tränen fort und zuckte die Schultern:

 

„Ich fühle nichts und trotzdem weine ich, das ist völlig absurd.“

 

Die Frau schaute sie lächelnd an und sagte:

 

„Nein, das ist nicht absurd. Schliesslich bist du ja noch nicht tot. Man hat nur deine Gefühle und dein Fühlen betäubt. Aber du lebst noch. Sobald du diese Scheisspillen absetzt, wirst du wieder fühlen.“

 

„Aber ich habe meiner Mutter versprochen, die Tabletten zu nehmen.“

 

„Und was hat sie dafür versprochen?“

 

„Ich darf wieder alleine zur Schule und von der Schule nach Hause gehen.“

 

Die Frau sagte nichts, sondern schaute Ira nur fragend an. Ira schluckte und wieder liefen ihr die Tränen hinunter.

 

„Es hat gar nichts genützt. Ich habe den Fuchs nicht wieder gesehen.“

 

Die Frau schien das eigenartigerweise zu verstehen und nickte. Einen Moment war Schweigen im Raum. Dann sagte sie:

 

„Ich heisse Mia Weber.“

 

„Und ich Ira Steiner.“

 

Mia nickte, als bestätigte Ira etwas, was sie sich schon gedacht hatte. Dann lächelte sie:

 

„So so, die Zornige. Bist du denn oft zornig?“

 

Ira zuckte ratlos die Schultern.

 

„Früher war ich oft zornig. Wenn niemand etwas verstand. Oder wenn ich nicht verstand was passierte.“

 

Wieder nickte Mia. Dann sagte sie:

 

„Ida wäre der richtige Name für dich. Die Wissende, Sehende. Denn wenn du deine Gaben richtig verstehst und einsetzen kannst, dann wirst du wissen und sehen.“

 

Ira spürte plötzlich Neugierde. Und dieses Gefühl erinnerte sie an eine lange zurückliegende Vergangenheit, machte sie warm und lebendig und sie lachte fröhlich auf.

 

„Und wie mache ich das?“

 

Mia lächelte geheimnisvoll und sagte:

 

„Eins nach dem anderen. Und nun trinken wir erstmal gemeinsam einen Tee.“

 

Mia stand auf und ging zur Ladentür, drehte ein Schild mit der Aufschrift „Vorübergehend geschlossen“ nach aussen und schloss die Tür ab. Dann trat sie wieder hinter die Theke, gab Ira ein Zeichen ihr zu folgen und verschwand hinter dem schönen asiatischen Wandteppich, der Ira schon vorher aufgefallen war. Ira trat in ein gemütliches Zimmer, in dem an der linken Wand eine kleine Küchenzeile eingebaut war. Der Boden war mit Teppichen ausgelegt und auf der rechten Seite lagen Sitzkissen in einem kleinen Kreis. Ira streifte automatischen die Schuhe von den Füssen und folgte Mias Einladung sich zu setzen. Etwas unbeholfen liess sie sich auf den Sitzkissen nieder, unsicher, wie man wohl am besten darauf sass. Mia setzte in der Zeit Wasser auf, mischte Pfefferminze, Eisenkraut und Ginko und bald zog ein wohltuender Duft durch das Zimmer. Mia schwieg und Ira nutzte die Gelegenheit, sich im Zimmer umzuschauen. Vor ihr stand ein Räucherstäbchen – Halter und als sie Mia fragend anschaute, nickte diese. Ira nahm vorsichtig ein Räucherstäbchen aus der daneben liegenden Packung und zündete es an. Der gleiche betörend köstliche Duft wie vorher im Laden stieg ihr in die Nase und Ira hatte wieder das Gefühl der eigentümlichen Stille. Sie seufzte unwillkürlich.

 

„Ich habe mich schon lange nicht mehr so gut gefühlt.“

 

Sie war selber erstaunt, was sie da gesagt hatte, schloss einen Moment die Augen und überlegte, ob das stimmte. Fühlte sie sich wirklich besser als sonst? Sie musste sich eingestehen, dass sie sonst eigentlich nicht wusste, wie sie sich fühlte. Sie fühlte einfach gar nicht viel. Sie tat einfach, was von ihr erwartet wurde. Wieder spürte sie, wie ihr die Tränen in die Augen stiegen. Sie drückte sie zurück, doch jetzt stand Mia neben ihr und hielt ihr einen dampfenden Becher Tee entgegen.

 

 „Lass die Tränen ruhig fliessen, sie werden dir helfen, wieder in Kontakt mit deinen Gefühlen und dem Fühlen zu kommen. Und sie werden dir helfen, dass Gift aus deinem Körper zu spülen.“

 

Ira spürte panikartige Angst in sich aufsteigen. Sie stellte den Teebecher ab und schlang die Arme um den Körper.

 

„Ich habe Angst. Grosse Angst.“

 

Mia nickte.

 

„Das kommt vom Ritalin. Wenn das Ritalin es nicht schafft, deine Gefühle vollkommen zu unterdrücken, dann bahnen sich Deine Gefühle in Form von Angst, Panik, Depression oder Trauer ihren Weg nach aussen. Spür einfach hin, in diese Angst. Spür, wie sie sich anfühlt. Wo sitzt sie? Welche Farbe hat sie? Wie fühlt sie sich an?“

 

Ira schloss die Augen und spürte in sich hinein. Sie spürte ein starkes, rotes Brennen im Unterbauch und im Bereich des Magens einen festen, schmerzenden, schwarzen Kloss. Obwohl sie es nicht ausgesprochen hatte, nickte Mia.

 

„Bleib mit der Aufmerksamkeit dabei. Und trink gleichzeitig deinen Tee.“

 

Ira fühlte, wie der Tee sie innerlich wärmte und nach einer Weile hatte sie das Gefühl, das Brennen löste sich auf und wich einer orange-gelben Wärme. Der schwarze Kloss in der Magengegend blieb allerdings. Gleichzeitig spürte sie ein Gefühl des Glücks in sich aufsteigen, dass sie schon lange nicht mehr gefühlt hatte.

 

Nachdem sie eine lange Weile schweigend ihren Tee getrunken hatten, beugte Mia sich vor und sagte eindringlich:

 

„Es ist sehr wichtig, dass du kein Ritalin mehr nimmst. Es zerstört deine Fähigkeiten und es beeinflusst deine Entwicklung. Kannst du nicht mit deiner Mutter reden? Wenn du wirklich absolut darauf bestehst, dass du es nicht nehmen willst, würde sie dich dazu zwingen?“

 

Ira zuckte unsicher mit den Schultern:

 

„Ich weiss es nicht. Ich kann es versuchen.“

 

Mia schaute sie forschend an. Dann sagte sie nachdenklich:

 

„Es wird sicher nicht einfach sein. Aber vielleicht findest du einen Weg. Und vor allem: wenn du wieder zu Hause bist, wirst du wahrscheinlich nicht mehr die Notwendigkeit sehen, warum du überhaupt etwas ändern sollst. Der Tee hier verschafft dir Klarheit, ich werde dir etwas davon mitgeben und auch von den Räucherstäbchen, vielleicht hilft dir das, dich zu erinnern.“

 

Mia drehte sich um und griff nach einem kleinen Beutel, dem sie ein Lederband entnahm, in das zwei Steine eingeflochten waren. Sie beugte sich vor und legte Ira das Band um das Handgelenk:

 

„Hier, das schenke ich dir zu Unterstützung. Der Bergkristall stärkt deine Klarheit und auf den Prasem kannst du deinen Zorn lenken, wenn du ihn nicht kontrollieren kannst. Eingebettet in den Prasem sind Aktinolithe, die stärken gleichzeitig die Geduld und helfen das Gefühl für den richtigen Augenblick zu finden. Da der Stein fest eingebunden ist, kann er auch nicht wegfliegen, wenn dein Zorn zu mächtig wird.“

 

Mia lachte leise. Dann sagte sie sanft:

 

„Und komm wieder, so oft du kannst.“

 

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